© Erkenntnis - Projekt
Gustav Theodor Fechners Panpsychismus und die Bedingtheit der Zeit - Druckversion

+- © Erkenntnis - Projekt (https://ich-glaub-es.net)
+-- Forum: Community (https://ich-glaub-es.net/forumdisplay.php?fid=1)
+--- Forum: Philosophie (https://ich-glaub-es.net/forumdisplay.php?fid=6)
+--- Thema: Gustav Theodor Fechners Panpsychismus und die Bedingtheit der Zeit (/showthread.php?tid=943)



Gustav Theodor Fechners Panpsychismus und die Bedingtheit der Zeit - André K. Buchheim - 23.03.2025

Hallo, Ihr Lieben,

Versuche ich mich ersteinmal an meinem ersten Artikel hier.

Zur Person: Gustav Theodor Fechner lebte von 1801 bis 1887. Er studierte Physik, betätigte sich noch vor Freud als einer der Begründer der Psychologie und gilt als Begründer der sog. Psychophysik, das meint die Erforschung der gesetzmäßigen Wechselbeziehungen zwischen subjektivem psychischen (mentalen) Erleben und quantitativ messbaren, also objektiven physikalischen Reizen als den auslösenden Prozessen. Zum Teil ergeben sich da Überschneidungen zu Psychosomatik und Placebo-Effekt. Daneben betätigte er sich als Philosoph und wenn auch seine Schriften heute nahezu unbekannt sind, damals war er international bekannt.

Panpsychismus: Fechners Panpsychismus behauptet eine Lebendigkeit und Empfindsamkeit allen Daseins, auch dessen, was wir als "unbelebt" betrachten. Eine seelisch-emotionale Substanz ist es, die alles verbindet. 

Auch ich gestehe "toten" Dingen Lebendigkeit zu, denn der Raum, in dem sich Leben entwickelt, muss selbst in gewisser Weise lebendig sein, um Leben hervorbringen, erhalten und bewahren zu können. Da das Leben also ohne Raum nicht möglich ist, ist der Raum auch als Teil des Lebendigen zu betrachten. 

Ganz ähnlich sieht es Fechner. So schreibt er: 
"Obwohl die Erde eigentlich unsre Mutter nicht in gemeinem menschlichen Sinne heißen kann, kann sie es doch immer noch in einem höhern, wie Gott, der uns durch ihre Vermittlung erzeugt, nicht in gemeinem menschlichen Sinne unser Vater heißen kann, aber in einem höhern. Der gemeine menschliche Vater, die gemeine menschliche Mutter lassen uns von sich, der höhere himmlische Vater, die höhere himmlische Mutter behalten uns immerdar in sich. Ein neues Zeugen ist's nur hinein in sich selber, was uns in ihnen den Ursprung gibt, denn was aus Gott kommt, das bleibt auch in Gott, und was die Erde trägt, verlässt sie nicht. Dein gemeiner Vater und deine gemeine Mutter, zu denen du in einem äußerlichen Verhältnis stehst, sind nur die für dich äußerlichen, für sie aber innerlichen Werkzeuge dieser Werkzeuge."

Dieses Verwobensein im seelisch-empfindsamen Stoff gilt jedoch nicht nur in der räumlichen Ausdehnung, sondern auch in der Zeit. Deutlich wird dies, wenn wir uns die Übertragung geistiger Inhalte, von Wissen und Traditionen über die Zeit betrachten. 

Es mag sein, dass ich über meine Urgroßeltern als materielle Existenz kaum noch etwas weiß. Vielleicht habe ich ein paar verblasste Fotografien und Erzählungen meine Großeltern. Doch meine Eltern und Großeltern, die kenne ich direkt. Obwohl ich von den weiter zurückliegenden Vorfahren nichts weiß, kenne ich Leute die sie kennen und bin ihnen so dennoch verbunden. 

An der materiellen Übertragungslinie besteht kein Zweifel. Doch die seelisch-geistige gerät schnell aus dem Blick. Doch haben die Vorstellungen meine Vorfahren sich teilweise über meine Eltern bis auf mich übertragen, ohne dass ich ein Bewusstsein darüber habe. In gewissen Sinne sind also deren Inhalte, owohl sie längst verstarben, in mir noch lebendig. In gewissem Sinne leben meine Vorfahren in mir fort, was auch eine Basis der Ahnenverehrung vorstellt, nämlich dass ich das in mir lebensprägende Gute ehre, das von ihnen stammt, ohne dass mir dies direkt bewusst wäre. Aus Sicht des seelisch-geistigen Stromes gibt es also keine Grenze des Todes, alles webt und besteht fort, sich auf ein fernes, unsichtbares Ziel hinentwickelnd und, je nach persönlicher Lebensgestaltung, sich mal annähernd, mal entfernend, aber niemals kann man es verlieren.
Da nun das, was den eigentlichen Lebensinhalt ausmacht, nicht an den Körper und seine Sterblichkeit gebunden scheint, überträgt es sich fort, wirkt durch uns in der Zeit und auf diese ein, uns zur Verwirklichung auffordernd. Die Frage ist nur, ob der Mensch zuhört, hinhört auf die feinen Botschaften der Weltseele des Panpsychismus.


RE: Gustav Theodor Fechners Panpsychismus und die Bedingtheit der Zeit - Michael (Voitlanger) - 23.03.2025

Dein Beitrag klingt ersteinmal spannend, besonders die Verbindung zwischen Fechners Panpsychismus und der Idee, dass „tote“ Dinge eine Form der Lebendigkeit besitzen könnten. Auch der Aspekt der Weitergabe seelisch-geistiger Inhalte über Generationen hinweg finde ich (auch wenn ich jetzt persönlich dafür kein) interessant – das erinnert an kulturelle und genetische Prägungen, nur auf einer eher metaphysischen Ebene.

Allerdings gibt es auch kritische Fragen meinerseits
1. Der Panpsychismus behauptet wenn ich mich recht erinner, dass alles eine Form von Bewusstsein oder Empfindsamkeit besitzt – aber wie unterscheidet er das von bloßer Struktur und Wechselwirkung? Gibt es Belege, dass ein Stein oder der Raum selbst „etwas empfindet“? Oder ist das nur eine gedankliche Konstruktion, weil wir uns schwer damit tun, das Leben als etwas rein Emergendes aus Materie zu begreifen? Ich meine, das Rätsel bleibt. Ein Mensch lebt, jetzt, und besteht aus den selben Atomen wie 10 Sekunden, nachdem er aufgehört hat, zu leben. Aber irgendwie ist etwas weg. Irgendwie funktioniert etwas nicht mehr. Was ist dieses etwas? Damit haben sich natürlich schon viele Menschen beschäftigt.
2. Wenn Bewusstsein tatsächlich universell wäre – warum haben Lebewesen so radikal unterschiedliche Grade von Bewusstheit -zumindest, soweit wir es wissen. Warum hat der Mensch ein reflektierendes Selbstbewusstsein (nicht alle zugegeben) , während ein Regenwurm nur Reize verarbeitet? Müsste nicht alles gleichmäßig bewusst sein, wenn Bewusstsein eine Grundeigenschaft der Realität ist?

In jedem Fall eine spannende Perspektive – aber wie erklärst du den Unterschied zwischen echter Erfahrung und bloßer Projektion?


RE: Gustav Theodor Fechners Panpsychismus und die Bedingtheit der Zeit - André K. Buchheim - 23.03.2025

Zu 1. Je nach Art des Panpsychismus kann damit auch eine Art Bewusstsein gemeint sein. Bei Fechner ist es auf sinnliche Wahrnehmung beschränkt. Beweisen kann man das so natürlich nicht, da man den Stein nicht fragen kann. Fechner sieht jedoch einen Hinweis in der Ästhetik. Er sagt, wir empfinden eine Landschaft als schön, ergo muss etwas in der Landschaft sein, dass bei uns einen angenehmen Eindruck hinterlässt. Gleiches kann aber nur mit Gleichem in Austausch treten. Wenn also mein seelisches Empfinden auf die Schönheit der Landschaft reagiert, dann nur, weil in der Landschaft etwas liegt, das mit meinem Seelenleben in Austausch tritt, mich zu Dichten und Denken hinzureißen vermag und das kann daher auch nur etwas Seelenartiges sein.
2. Das höchste Bewusstsein ist ein räumlich-zeitlich unbegrenztes. Alles sich in Raum und Zeit entwickelnde Bewusstsein ist durch die Bedingungen von Raum und Zeit, in denen es sich entwickelt, begrenzt. Ein Tropfen, dem Ozean entnommen, ist ein Tropfen wie er genauso Ozean ist. Aber aus der isolierten Perspektive des Tropfens ist der Ozean nur eine verblassende Erinnerung, später eine Legende, ein Glaube. Ab einer bestimmten Entwicklung des Bewusstseins kann aber die Erinnerung an den Ozean wach werden und die Perspektive erweitern.