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Eugen Heinrich Schmitt - Gnosis als Weg zur edleren Kultur
#1
Eugen Heinrich (Jenö) Schmitt (1851-1916) begann seine Karriere mit dem Studium klassischer Philosophie, seine diesbezüglichen Anfänge liegen bei Hegel und Feuerbach, doch muss es bereits in dieser Zeit ein Ereignis gegeben haben, eine Art mystischer Berührung, das ihn den Pfad der Gnosis einschlagen ließ. Dies drückte sich erstmals in einer Zeitschrift mit dem Titel "Die Religion des Geistes" aus, die 1894-96 erschien und an der wesentlich auch Lew Tolstoi mitwirkte. Hier stellte er sein neues Denken vor, das an die alte Gnosis anknüpfend die Veredelung des Menschen und der Kultur vorsah. Der Gedanke, dass höhere, im Unendlichen wurzelnde Weisheit und Erkenntnis ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte aufzuschlagen vermöchte, in denen Entfaltung im Fordergrund steht statt Ausbeutung, die Betonung auf dem liegt, was wir einbringen, nicht was wir herausholen können, ein Leben innerer Fülle, das äußeres Wohlergehen nach sich zieht, ist angesichts der Weltlage aktueller denn je.

Neben anderen bis heute gut lesbaren Büchern - als Beispiele nenne ich hier "Friedrich Nietzsche an der Grenzscheide zweier Weltalter", "Leo Tolstoi und seine Bedeutung für unsere Kultur" und "Ibsen als Prophet. Grundgedanken zu einer neuen Ästhetik" - kam in den Jahren 1903 und 1907 die beiden Bände seines Hauptwerkes "Die Gnosis. Grundlagen der Weltanschauung einer edleren Kultur" und 1908 das eher praktisch veranlagte Buch "Der Idealstaat" heraus, wo er die vorher dargelegten gnostischen Prinzipien auf das Staatswesen der Gegenwart und Zukunft überträgt.

Das besondere an Schmitts Gnosis ist, dass es ihm gelingt, die bis dato bekannten Bruchstückchen der Überlieferung zusammenzutragen, in Relation zueinander zu betrachten, in eine Chronologie einzubinden und das Fehlende aus eigener Anschauung zu ergänzen. Heraus kam ein neues gnostisches Weltbild, ein zeitgemäßes, aber auch zukunftsweisendes.

Schmitt betont die mystische Erkenntnis, das Erleben des Unendlichen und Ewigen als wahrem Seinsgrund und die Entwicklung einer auf Liebe, Füreinander und Weisheit ruhenden Gesellschaftsform. Klar, dass er mit diesen Gedanken in seiner Zeit aneckte, so stand er öfter vor Gericht, löste mit seinem Engagement für die agrarsozialistische Gesellschaft Ungarns sogar einen Bauernaufstand aus und obwohl dies nicht beabsichtigt geschah, sah er sich zur Flucht aus Österreich gezwungen. In Deutschland fand er Schutz und Aufnahme in dem Kreis um Gustav Landauer, zu dem ich bestimmt auch noch etwas schreibe.

Zum Abschluss noch ein Zitat aus Band II von "Die Gnosis...", welches Stil und Denkungsart Schmitts gut dokumentiert:

„Es ist vorerst der Himmelstau der durchsichtigen Allanschauung oder Vernunftanschauung, dessen Farblosigkeit nur aus der inneren Fülle herrührt, die alle Formen und Farbentöne in sich birgt.
Dieser Himmelstau ist der lebendige Gedanke, der Geist. Aber das Gedankenlicht ist nicht bloss Leuchten über allen Räumen und Zeiten, es ist in jedem Einzelnen auch ein Hineinleuchten in den Ozean der Geister; es ist äonisches, überindividuelles Licht. Jedes logisch-mathematische Gesetz ist das Gesetz aller Geistigkeit. Aber dem Schattenreich des unlebendigen, von den Fesseln einer toten Notwendigkeit gefesselten Logos entrungen zeigt uns das Leben des Geistes in höherer Form denselben Strahlenkreis ureigener, individualisierter Stimmungen, die mit ihren realistischen und idealistischen Abtönungen der individuellen Neigung den Farbenkreis der himmlischen Sophia bilden, deren Strahlendiadem dieses Geisterreich webt. Die himmlische Weisheit ist so die göttliche Mutter aller Geister, an deren Brüsten alle den Trunk des Lebens schlürfen. Aus ihrer seligen Einheit des Selbsterkennens und des Liebens strömt allen das Leben, das Gemeinsame aus dem Tiefinnersten, also in heiliger Freiheit. Es ist das Nichtseiende für den Menschen der Sinnesanschauung, doch die selige Geistesnahrung des Menschen der kommenden besseren Welt.“

Schmitt starb im Kriegsjahr 1916 in Berlin. Seine Werke überdauerten ihn und harren der Wiederentdeckung. Ich kann sie jeder*jedem nach Erkenntniss Strebenden nur empfehlen.
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