(02.03.2025, 09:28)Michael (Voitlanger) schrieb: Du hast meine Aussage missverstanden. Ich habe nicht behauptet, dass alle Leute auf Paracelsus stehen, sondern dass es eine bestimmte Gruppe gibt, die ihn hochschätzt – und genau diese Gruppe kann ich nicht nachvollziehen. Ob du sie nun Morgenlandfahrer, Männer, Linkshänder oder über 60-Jährige nennst, spielt letztlich keine Rolle. Denn wenn diese Bezeichnung zutrifft, dann sind es eben die Leute, die auf Paracelsus stehen, die ich nicht verstehe.
Okay, jetzt verstehe ich. Ich denke, es ist nicht
eine distinkte Gruppe - es ist also nicht damit getan, nur eine bestimmte Gruppe nachzuvollziehen. Das ist viel umfassender.
Gehen wir erstmal in der Zeit zurück, noch weiter zurück als Hermann Hesse, dann finden wir vor 200 Jahren eine aufschlussreiche literarische Erwähnung in E.T.A.Hoffmann, "Der Elementargeist":
Der Major hatte die „tüchtigen Bücher“ von Cardanus, Justinus Martyr, Lactanz, Cyprian, Clemens von Alexandrien, Macrobius, Trismegistus, Nollius, Dorneus, Theophrastus, Fludd, Wilhelm Postel, Mirandola, Joseph und Philo vorgeschlagen.
(zitiert nach
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Elementargeist)
Da finden wir also unseren Theophrast in einer Reihe mit einer ganzen Anzahl höchst illustrer Figuren, und die Reihung als solche, wie auch das Thema der Erzählung selber, gibt einigen Aufschluss darüber, worum es da geht: es handelt sich um Magier bzw. Gnostiker.
Es gibt da offensichtlich eine magische Tradition, die sich durch die Jahrtausende zieht. Aber wenn du eine klassische humanistische Bildung an einem Gymnasium erfährst (sofern es das heute überhaupt noch gibt), dann liest du da zwar die Philosophen, aber das lernst du nicht. Das ist hermetisches Wissen, und bleibt obskur. Ich weiss nicht, wo man es lernen würde.
Dann, zur Erzählung selber. Es handelt sich da um eine quasi Nacherzählung von J.Cazotte, '"Le Diable amoureux".
Und das wiederum dreht sich um, nunja, dämonische Liebhaber.
/BREAK/
Eine persönliche Geschichte: wenn man heutzutage ein bischen den Seifenwust anschaut, der so für das Vorabend-Fernsehen produziert wird, und dabei ein etwas grenzwissenschaftliches Interesse appliziert, dann stößt man unweigerlich über eher kurz als lang auf - Vampire.
Auch oder gerade auf den heutigen Zeitgeist scheinen Vampire eine immense Faszination auszuüben. Im konkreten Fall waren es dann Vampire und Werwölfe in Tateinheit, und dann hab ich beschlossen, der Sache mal genauer nachzugehen.
Was Werwölfe angeht, ist das einfach. Die sind das Pendant zu den Berserkern (Bär-serker), und es handelt sich um Menschen, die mithilfe schamanischer Techniken die Kraft und Bedrohlichkeit von Raubtieren annehmen. Ich werde keine skeptizistische Diskussion darüber führen, ob das praktisch möglich ist, sicher ist aber, das Aufzeichnungen über solche Phänomene bis zurück in vorchristliche Zeit existieren und auch im Schamanismus derartige Techniken wohlbekannt sind.
Bei Vampiren ist es schwieriger. Man kommt nur etwa zurück bis Dracula und
Carmilla, davor gibt es dann lediglich noch folkloristische Elemente aus Osteuropa ohne klaren Zusammenhang, und man kommt nicht weiter auf der Suche danach, wo diese Ideen herkommen.
Was aber auffällt, das ist, dass der Vampir in diesen 150 Jahren seiner literarischen Existenz ein recht deutlich sexualisiertes Motiv ist. Und von da kommt man dann weiter, wenn man den richtigen Begriff findet:
https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%A4mon..._Liebhaber
Dieser ganz hervorragende Artikel stellt den historischen Zusammenhang her - auch hier haben wir es mit einem Thema zu tun, das sich durch die Jahrtausende zieht, immer bekannt aber kaum offen diskutiert, sondern versteckt in Mythos und Belletristik.
Schriftseller der Romantik wie E.T.A.Hoffmann spielen dann belletristisch mit dem Spannungsfeld zwischen Geisterglaube und dem modernen Geist der Aufklärung.
Im weiteren gab es dann aber immer wieder einzelne Gruppierungen, die mit diesem modernen Geist und v.a. seinen Folgen, dem Fortschrittsglauben, technologischem Wahn, Großindustrie, Turbokapitalismus und Entfremdung nicht so recht glücklich wurden - wie zB. die des Monte Verita wo H.Hesse dazugehörte, oder später die Hippies...
Zitat:Deine „Korrektur“ ändert also nichts an meiner eigentlichen Aussage, sondern verlagert nur den Fokus auf einen Begriff, ohne inhaltlich etwas beizutragen. Insofern ist das eine Wortklauberei ohne Substanz.
Gut, du hast also den Link zu Hesses Morgenlandfahrt gebracht – was ja wohl bedeutet, dass du uns damit zeigen wolltest: Diese Morgenlandfahrer meine ich. Falls nicht, wäre es interessant zu erfahren, welche spezifische Gruppe du eigentlich im Sinn hattest, die Paracelsus besonders schätzt.
Ich hoffe, Dir jetzt ein paar Stichworte gegeben zu haben, die Anreiz zu weiterer Recherche geben. Ich habe nicht vor, hier irgendetwas spezifisches zu behaupten, denn dazu ist die Thematik zu komplex. Ich kann ledlich Anstöße zur Assoziation liefern.
Zitat:Und damit kommen wir zum eigentlichen Kern der Sache: Warum tun sie das? Ich habe ja nicht einfach gesagt, dass ich ihre Bewunderung für Paracelsus ablehne, sondern dass ich sie nicht verstehe. Also wäre es doch sinnvoll, wenn du nicht nur eine Gruppe benennst, sondern auch erklärst, warum sie Paracelsus für bemerkenswert halten. Dann hätten wir wenigstens eine echte Diskussion, statt bloßer Begriffsklärung.
Es gibt dann noch eine zweite Linie der Betrachtung, das ist die Alternativmedizin. Irgendwann im letzten Jahrhundert ist die Arroganz der Ärzte und deren unverständliche lateinische Ausdrucksweise etlichen Leuten zu dumm geworden, und es kamen u.a. sogenannte Heilpraktiker in mode, wie auch verschiedene alternativmedizinische Ansätze, die eine mehr ganzheitliche, auf den Patienten eingehende Philosophie pflegten.
Man kann Paracelsus als einen Vorreiter dieser Ansätze verstehen, der auch schon keine Lust hatte, sich im latinisierten Standesdünkel seiner Berufskollegen zu sonnen, und der einen ganzheitlichen naturbezogenen heilerischen Ansatz betrieb.