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| Ägypten und die Chronologie des Alten Testamentes |
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Geschrieben von: Eik - 18.02.2017, 11:57 - Forum: Das alte Ägypten
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Ägypten und die Chronologie des Alten Testamentes
1. Allgemeines
2. Die interne Geschichtsschreibung des Alten Testamentes
3. Die ältere Chronologie des Bibeltextes
4. Die historischen Quellen Ägyptens
5. Die biblische Chronologie in der Antike und der neueren Geschichtsschreibung
Zusammenfassung
Die chronologischen Details des Alten Testamentes mager und dürftig. Die biblischen Daten sind erst nachträglich erstellt worden. Es fällt auf, daß die interne Geschichtsschreibung der biblischen Bücher unbestimmt und verschwommen wird, sobald man über die Zeit der Reichsteilung zurückgeht. Auch die Königszeit ist nur zu Beginn und am Ende genauer dokumentiert; die dort genannten Pharaonennamen sind relativ spät. Die großen Ereignisse der Patriarchenzeit spielen bei anonymen Pharaonen. Das verwundert umso mehr, wenn selbst Königsnamen von phönizischen Stadtfürsten erhalten sind. Außerdem kommen mehr als 30 Namen assyrischer und babylonischer Herrscher im Alten Testament vor.
Alle Traditionen des Alten Testamentes vor 850 v. Chr. sind also Fiktionen oder mündliche Stammesüberlieferungen, die kaum nachprüfbar sind. Zeitgenossen der Israeliten in Palästina: (Philister, Kanaaniter, Moabiter, Edomiter, Syrer und Phönizier) haben kaum schriftliche Quellen hinterlassen und berichten weder direkt noch indirekt von der israelitischen Landnahme. Nicht einmal archäologische Grabungsergebnisse stimmen mit den in der Bibel geschilderten Ereignissen der Landnahme überein: dort als besiedelt genannte Städte waren bereits seit Jahrhunderten zerstört und verlassen
Ägyptischen Zeugnisse sind wesentlich älter als sämtliche bisher ermittelten Quellen der Bibel und datieren aus der Zeit, als Ägypten Kolonialmacht über das Land Kanaan war. Ägyptische Texte deuten darauf hin, daß das Volk Israel und die Jahwe-Beduinen überhaupt keine Bedeutung besessen haben oder gar eine Sonderstellung einnahmen. Ägyptische Zeugnisse haben die einzigen, direkten Erwähnungen von Jahwe und Israel in historisch-ägyptischer Zeit.
Sehr schwerfällig mußte sich die Geschichtsschreibung des Alten Orients von der Vorherrschaft der Bibel befreien. Das Alte Testament galt ja lange Zeit als das älteste Buch der Welt, wie ja auch Hebräisch als die älteste Sprache der Menschheit.
Für die wissenschaftlilche Geschichtsschreibung erwies sich die Bibel als Hemmschuh. Es hat sehr viel Mühe, Fleiß und Bekennermut gekostet, die Geschichte des Vorderen Orients von der Vorherrschaft des Alten Testamentes zu befreien und eine eigene, den Quellen und Denkmälern angepaßte und stimmige Geschichte zu entwickeln.
Es ist erstaunlich, daß selbst in heutiger Zeit immer noch „biblische Chronologie“ im Vordergrund steht und daß die Ergebnisse der Ägyptologie wie der Assyriologie noch immer daran gemessen werden, in wieweit sie biblische Fakten und Erzählungen bestätigen können. Das hat besonders für die Archäologie Palästinas erhebliche Folgen, da man in jedem ausgegrabenen Schutthügel israelitische Reste vermutete und suchte. So werden sogar noch in jüngster Zeit archäologisch gesicherte Stratigraphien hemmungslos nach oben oder nach unten gezerrt und falsch datiert, bloß um den Berichten des Alten Testamentes Genüge zu tun. Selbst unbestrittene Textentlehnungen interpretiert man kunstvoll weg, weil sie die „Einzigartigkeit des Alten Testamentes“ in Frage stellen.
1. Allgemeines
Die Chronologie des Alten Testamentes ist besonders für die frühe Zeit ausnehmend vage. In guter alter Stammestradition orientalischer Nomaden wird die Stammesgeschichte aus mündlichen Überlieferungen geschöpft und das (relative) Alter der Begebenheiten anhand von Geschlechtsregistern errechnet. Deutliche Jahresangaben sind selten und darüber hinaus meist mythisch verbrämt (sieben, zwölf, siebzig, vierhundert u. dergl.). Umso mehr überrascht eine Angabe mit vortäuschender Genauigkeit, wie Hebron aber war sieben Jahre gebaut vor Zoan in Ägypten Num 13, 22
Im Text ist dieses Zitat nicht notwendig, es hat vermutlich als Glosse Eingang in das betreffende Kapitel gefunden. Eigentümlich ist, daß die Aufenthaltsdauer Israels in Ägypten nicht kanonisch wurde (wie etwa die literarischen Formeln darüber), sondern unterschiedlichste Angaben gemacht werden, wobei auch hebräische und griechische Versionen von einander abweichen:
90 Jahre: „drei Generationen von Jakobs Söhnen bis Mose“ Jes 15, 16
120 Jahre: „vier Generationen“ Ex 8, 13f
215 Jahre Ex 12, 40 (griech.) Joseph. ant. 2, 15, 2
400 Jahre Gen 15, 3, Joseph. ant. 2, 9, 1
430 Jahre Ex 12, 40 (hebr.) Joseph. ant. 2, 15, 2
440 Jahre 1. Kg 6, 1 (griech.)
480 Jahre 1. Kg 6, 1 (hebr.)
Ein Datengerüst läßt sich aus diesen Zahlen nicht gewinnen, auch die ‘relative’ Chronologie versagt.
Erst zur Zeit Jerobeams, des ersten Königs des Nordreiches Israel wird ein ägyptischer König erwähnt (1.Kg 11. 40), sogar mit Jahresangabe:
Aber im fünften Jahr des Königs Jerobeam zog herauf Sisak, der König in Ägypten, wider Jerusalem 1. Kg 14, 20: 2. Chr. 12, 2
Ein anderer ägyptischer König ist zeitgleich mit Hosea ( 2. Kg 17,4), ein dritter mit dem letzten König Judas (2. Kg 19,9; Jes 37., 9). Jeremias enthält eine interessante, chronologische Angabe:
Wider das Heer Pharao Nechos, des Königs von Ägypten, welches lag am Wasser Euphrat zu Karkemisch, das der König zu Babel, Nebukadnezar, schlug im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes des Josias, des Königs von Juda. Jer 46, 2; ohne Datum 2. Chr. 35, 20
Es fällt auf, daß nur zu Beginn und am Schluß der Königszeit solche chronologischen Einzelheiten zu finden sind:
Salomo Schoschenk I. 945 - 924 v. Chr.
Jerobeam desgl.
Asa Sarah, der Mohr (Osorkon II.) 924 - 888 v.Chr.
Hosea So (Schabako) 716 - 695 v. Chr.
Hiskia Tiharka 689 - 664 v. Chr.
Josia Necho 610 - 595 v. Chr. 1
Joahas desgl
Jojakim desgl. Zedekia Hophra (Apries) 589 - 570 v. Chr.
Im übrigen sind die chronologischen Details mager und dürftig. Das läßt den Schluß zu, daß zu Beginn und am Ende der Geschichte der Königreiche eine Stützung des zeitlichen Gerüstes nötig war, weil sonst die Regierungszeiten der jüdischen Königreiche ins Schwimmen geraten wären, da die Daten erst nachträglich erstellt worden sind. Wesentlich günstiger sieht die Chronologie babylonisch-assyrischer Könige aus.
2. Die interne Geschichtsschreibung des Alten Testamentes
Neben der auf Daten fußenden Chronologie gibt es im Text des Alten Testamentes interne Querverbindungen ohne Datenangaben.
- Abraham hatte mit Pharao Kontakt Gen 12, 10 - 13, 10. Er besaß auch eine ägyptische Dienerin Gen 16, 1; 21, 9
- Ismael wurde von einer Magd aus Ägypten geboren Gen 21, 21
- Isaak erhält ausdrücklich den Befehl, bei einer Teuerung nicht nach Ägypten zu ziehen Gen 26,. 2
- Jakob zieht mit allen seinen Söhnen nach Ägypten Gen 37 ff; Apg 7, 12 Diese Tatsache wird häufig - auch als Formel - genannt Num 20, 10; Deut 10, 20; Jos 24, 4; 1. Sam. 12, 8. Dabei taucht die mythische Zahl siebzig auf Deut 10, 20
- Joseph hat einen ganzen Novellenkranz absorbiert Gen 37 ff; 1. Mak 2, 53; Hebr 11, 22; Ps 105, 17. Beachtenswert ist ein Detail mit den Ketten Hes 19, 4
- Moses ist die Zentralfigur der Geschichte von der Knechtschaft und des Auszuges aus Ägypten Ex 2 - 18. Von dieser Geschichte hat es Kurzfassungen gegeben Judith 5, 8 - 11; Apg 7, 19f; Hebr 11, 22f. Die Metaphern, Anspielungen, Zitate und formelhaften Wendungen über Moses sind so zahlreiche, daß sie im einzelnen nicht aufgezählt werden können.
Die Legenden unterscheiden beim Auszug mehrere Punkte:
1. Wunder vor dem Auszug, teils unspezifisch, teils in Einzelepisoden gegliedert, z.b. Ps 135, 9
2. Das Töten der Erstgeburt Ps 78, 51
3. Der Durchzug durchs Schilfmeer Ps 136, 13 u. o.
Interessant ist, daß die Akteure wechseln, sogar die Personenbezeichnungen (Stellen geben nur
Einzelbeispiele)
Mose:
dieser Mann Mose, der uns aus Ägypten geführt hat Ex 32, 1
dein Volk, das du aus Ägypten geführt hast Deut 9, 26
Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt? Num 20, 5
Er sandte Mose und Aaron, daß sie euch und euere Väter aus Ägypten führten 1. Sam 12, 8
Volk:
Es ist ein Volk aus Ägypten gezogen Num 21, 5
da ihr aus Ägypten zoget Deut 13, 5
da du aus Ägypten zogest Deut 16, 6
Warum sind wir aus Ägypten herausgezogen? Num 11, 20
da sie aus Ägypten zogen Ri 11, 13
Gott:
Gött hat ihn aus Ägypten geführt Num 24, 8
Der du unsere Väter aus Ägypten führtest 1. Kg 8, 53
und verließen ihren Herrn, der sie aus Ägypten geführt hatte Ri 2, 12
Ich bin der Herr, der euch aus Ägyptenland geführt hat Lev 11, 15
da ich sie aus Ägyptenland führte Jer 7, 22
Das Ereignis des Auszuges dient auch häufig als indirekte, nicht datierte Zeitangabe: „Von dem Tage an, da ich euere Väter aus Ägyptenland geführt habe, bis auf diesen Tag“ Jer 7, 25; 1. Sam 8, 8; 1. Kg 8, 16 u. o.
Bei der Geschichte über die Wüstenwanderung sind nur einige Erinnerungenn an Ägypten berücksichtigt Num 14, 13; Ex 32, 12 u.a. Das ist umso bemerkenswerter, da sonst auf kleinste Nebensächlichkeiten Rücksicht genommen wird, sogar auf das Gastrecht bei Beduinen Deut
23, 5.
Wenig ist aus der sog. Richterzeit belegt. Nur einmal wird vage das Land Gesem genannt Jos 10, 41.
Von König Saul und König David gibt es keine Angaben über Ägypten, abgesehen von der formelhaften Bezeichnung der Südgrenze des Reiches Israel 1. Sam 27, 8; 1. Chr. 13, 8.
Um Salomo ranken sich mehrere Sagen. Seine Weisheit wird gerühmt 1. Kg 5, 10. Als wichtiger historischer Fakt wird eine Pharaonentochter erwähnt, die Salomo heiratet, die aber anonym bleibt 1. Kg 3, 1; 9, 16 + 24. Zu seiner Regierungszeit ist auch ein Rivale Hadad nach Ägypten geflohen 1. Kg 11, 17.
Die Könige der Teilreiche hatten häufige Beziehungen zu Ägypten Es wird öfters von einer Flucht dorthin berichtet 2. Chr 10, 2; 2. Kg 25, 26; Jer 26, 21. Ägyptische Kultfiguren werden zu Staatsgottheiten erhoben 1. Kg 12, 28. Pharaonen greifen in die Geschrichte Israels ein: Sisak erobert Jerusalem und plündert Gold- und Silberschätze des Tempels 1 Kg 14, 25, bestätigt die Herrschaft des Rehabeam 2. Chr 12, 2 - 13. Necho kämpft mit dem Babylonischen König in Karkemisch, besiegt König Josias bei Megiddo und greift in die Thronfolge des Königreiches Juda ein 2. Kg 23, 29f; 2. Chr 35, 20f. Die ägyptische Vormachtsstellung in Palästina läßt sich aber auf Dauer nicht aufrechterhalten 2. Kg 24, 7.
Der kurze Zeitraum bis zur endgültigen Eroberung Palästinas und Ägyptens durch die Assyrer zur Zeit des Königs Hiskia ist ausgiebig belegt. So gibt es politische Prophezeiungen ´von Jesaja ‘wider die Ägypter’ Jes 19, 1 - 20, 1 und ‘wider die, die sich nach Ägypten flüchteten’ 30, 1 - 9, außerdem die Warnung vor der unzuverlässigen ägyptischen Streitmacht 31, 1 - 5.
Auch Jeremia verkündet eine ‘Weissagung wider Ägypten’ Jer 46, 1 - 26, macht aber auch Angaben über historische Einzelheiten: wechselndes Schlachtenglück zwischen Assyrern und Agyptern bei der Belagerung Jerusalems 37, 5 - 11, Schilderung des Exils in Ägypten 41, 17 und die Niederlage des Pharao Apries in Palästina 44, 30. Zur gleichen Zeit gibt Hesekiel Andeutungen über politische Ereignisse Hes 16, 26; 23, 3f; 17, 15 - 17 und gleichfalls eine ‘Weissagung wider Ägypten’ Hes 29, 1 - 30 + 32.
Nachexilische Stellen des Alten Testamentes über Ägypten sind selten, ausgenommen Beschreibungen tatsächlicher Ereignisse wie die Diadochenkämpfe zwischen Seleukiden und Ptolemäern 1. und 2. Mak.
Es fällt auf, daß die interne Geschichtsschreibung der biblischen Bücher unbestimmt und verschwommen wird, sobald man über die Zeit der Reichsteilung zurückgeht. Auch die Königszeit ist nur zu Beginn und am Ende genauer dokumentiert.; die dort genannten Pharaonennamen sind relativ spät.
Die großen Ereignisse der Patriarchenzeit dagegen spielen bei anonymen Pharaonen. Das verwundert umso mehr, wenn selbst Königsnamen von phönizischen Stadtfürsten erhalten sind. Außerdem kommen mehr als 30 Namen assyrischer und babylonischer Herrscher im Alten Testament vor.
3. Die ältere Chronologie des Bibeltextes
Zahlreiche synchrone, geschichtliche Ereignisse sind in der hebräischen Geschichtsschreibung des Alten Testamentes nicht wiederzufinden, und umgekehrt, die angeblich „geschichtlichen Fakten“ der Bibel passen mitunter nur sehr schwierig in die Alte Geschichte des Vorderen Orients. Die Geschehnisse außerhalb der assyrisch-babylonischen Annalenberichte sind mythischer Natur. Man will die Urgeschichte der Menschheit und die Stammesgeschichte Israels bewußt in ungreifbare, ahistorische Dimensionen der Vorzeit zurückverlegen, daher auch nur die Bezeichnung Pharao anstelle eines bestimmten Königsnamens. Die später errechneten Genealogien sind auf bestimmte mythische Zahlen aufgebaut und jeweils auf 3, 6, 12, 70 usw. Sequenzen mühsam aufgefüllt.
Obwohl sogar der Schreiber des Bibeltextes von der Existenz einer ägyptischen Kolonie in Palästina wußte Ri 10, 11; Gen 10, 6, gibt er vor, bei der Gestaltung der Geschichte des Exodus nichts davon zu wissen. Nach der herkömmlichen, „biblisch gestützten“ Chronologie ist Merenptah der Pharao des Auszugs gewesen und Ramses II. der König, bei dem Mose seine Jugend verbracht hat und der die Juden zu Ziegelarbeiten zwang. Die rechtliche Seite dieser Fron streift HERRMANN
Vorausgestzt, daß diese Datierung zeitlich richtig wäre, sahen sich die Juden gezwungen, kaum der Knechtschaft Ägyptens entronnen, in die ägyptische Kolonie Kanaan einzuwandern: aus Ägypten flohen sie nach Ägfypten. Dazu meinte schon BRUGSCH:
Ein übeles Ding für Auswanderer und Flüchtlinge aus Ägypten, die auf dem Boden Palästinas allenthalben ihren eigenen Autoritäten in den Weg liefen!
Das ist sogar vom Selbstverständnis des Bibeltextes her undenkbar, geschweige denn von inneren, historischen Gegebenheiten.
Das jüdische Gesetz, wie es in Exodus und Levitikus niedergelegt ist, setzt eine Seßhaftigkeit des Judenvolkes notwendigerweise voraus , kann also für ein Nomadenvolk nicht bestimmt gewesen sein.
Die Beschreibung der Stiftshütte und des Tempelbaus unter Salomo sind reine Idealbeschreibungen eines Tempels Solche Idealbeschreibungen des Tempels ziehen sich eigentümlicherweise durch das ganze jüdische Schrifttum, sind auch in Sektenschriften wie in der sog. Tempelrolle von Qumran 8 und in der Apokalypse vorhanden Apok 21, 10f.
Nimmt man nun den Bibeltext beim Wort, bedeutet das, zur Zeit Salomos gab es keine Schmiede bei den Juden 1. Sam 13, 19, und Salomo mußte für seinen Tempelbau Handwerker aus Tyrus kommen lassen 1. Kg 7, 13f.
Das aber trifft wiederum mit den archäologischen Befunden in Palästina zusammen, denn „die Archäologie Palästinas ist weitgehend ‘stumme’ Archäologie“ , zumindestens was die hebräische Frühzeit anlangt. Es werden gerade überall ägyptische Fundstücke oder ägyptische Reste geborgen, wo man jüdische Funde erwartet hätte. Über dieses Rätsel ergebnisloser Archäologie in Palästina räsoniert bereits DUNCAN . Nach den archäologischen Befunden in Palästina jedenfalls kann die fiktive Chronologie der Bibel nicht korrigiert oder gar gesichert werden, sofern sie über das bereits erwähnte Datum 850 v. Chr. hinausgeht.
4. Die historischen Quellen Ägyptens
Alle Traditionen des Alten Testamentes, die vor 850 v. Chr. anzusiedeln wären, müssen als Fiktionen oder als mündliche Stammesüberlieferungen gelten, die kaum nachprüfbar sind. Zeitgenossen und Vorläufer der Israeliten in Palästina: Philister, Kanaaniter, Moabiter, Edomiter, Syrer und Phönizier haben kaum schriftliche Quellen hinterlassen und berichten weder direkt noch indirekt von der israelitischen Landnahme. Einzige Ausnahme ist der Mescha-Stein, der um 830 v. Chr. datiert ist.
Nicht einmal die archäologischen Grabungsergebnisse stimmen mit den in der Bibel postulierten Ereignissen der Landnahme überein: dort als besiedelt angegebene Städte waren bereits seit Jahrhunderten zerstört und verlassen oder haben für die in Frage kommende Zeit gar keine Funde erbracht, wie Jericho, Hebron, Sichem u.v.a.
Hier helfen auch die ägyptischen historischen Texte nicht weiter, die in dem Buch von Wolfgang HELCK zusammengetragen wurden und die er ausführlich diskutiert hat. Bezeichnenderweise gibt es für die fragliche Epoche nur indirekte Hinweise darüber, daß es tatsächlich Stammestraditionen gegeben hat, die in solch frühe Epochen zurückreichen. In der Einschätzung der Ägypter sind solche kleinen Stämme barbarische Wüstennomaden. Sie werden allenfalls der Vollständigkeit halber überhaupt in die Siegeslisten mit aufgenommen , die sonst nur bedeutende Städte oder Stadtkönigtümer enthalten. Dementsprechend sind auch nur zwei Namen belegt - die einzigen aus dem ägyptischen Kulturbereich bisher - die mit der Vorgeschichte des Volkes Israel direkt zu tun haben.
Die eine Quelle kann 1380 v. Chr. datiert werden und befindet sich auf Säulenbasen in dem nubischen Tempel von Soleb. Unter einer Vielzahl von Ausländernamen des Südens und Nordens, die König Amenophis III. besiegt hat, findet sich eine Abteilung „Länder der Beduinen“, die offenbar nach ihren Stammesgottheiten spezifizert sind. Es sind Labina-, Samata-, Sa’arir- und Jahwa-Beduinen. Davon sind die Sa’arir-Beduinen sogar in Gen 36, 8 belegt, die anderen Stammesgottheiten Labina und Samata sind unbekannt.
Die Jahwa-Beduinen haben als ihren Stammesgott ‘Jahwa’. Ihr Name tA Sasw jhwA „Land der Jahwa-Beduinen“ ist dort sogar doppelt vorhanden und war auf einer jetzt zerstörten Seitenwand des Tempels in einer zweiten Liste aufgeführt in der Form . Diese Liste hat wiederum um 1250 v. Chr. Ramses II. in seinem nubischen Tempel in Amara-West kopiert als (sic).
Der ägyptische Beleg stimmt mit dem überein, was DELITZSCH in seinem Buch „Die große Täuschung“ gefordert hat: Jaho oder Jahwe kann man als Stammesgott einer Beduinenschar ansehen, die erst allmählich und in viel späterer Zeit umfassendere Geltung gewann. Über die geographisch Lokalisierung dieser Beduinengruppe ist jedoch nichts Genaues bekannt, wahrscheinlich ist die Gegend zwischen Qadesch Barnea und Gebel Hilal gemeint, wie es aus dem Umfeld der Siegesliste Amenophis III. hervorgeht.
Als zweite Quelle nennt die Siegesstele des Königs Merenptah das Volk Israel unter den Besiegten von Palästina. Der Text datiert aus dem Jahr 1219 v. Chr, im Jahr 5 des Herrschers:
Alle Fürsten stürzen nieder und sagen.“Schalom“ (d.h. Frieden).
Kein einziger erhebt mehr sein Haupt unter den Neunbogen-Völkern
Verwüstet ist Libyen, Hethiterland in Frieden.
Erbeutet ist Kanaan mit allem Schlimmen.
Gefangen ist Askalon, gepackt ist Gezer
Jenoam ist gemacht, als wäre es nie gewesen.
Jasir’ela (= Israel), seine Leute liegen brach, sein Same existiert nicht mehr.
Syrien ist Witwe geworden für Ägypten.
Alle Lande, sie sind in Frieden vereint,
jeder, der herumstreifte, wird festgebunden durch König Merenptah.
Dieses Siegeslied ist formal gebaut: erst werden summarisch die traditionellen 9 feindlichen Völker Ägyptens genannt, dann der äußerste Westen und der äußerste Osten der damaligen Welt (Libyen, Hethiterland), schließlich die ägyptische Kolonie Kanaan in der Mitte. Darauf folgen von Süden nach Norden die eigentlichen Ortschaften des Feldzuges. Demnach wäre das Jasir’ela-Volk Israel in Nordkanaan oder im südlichen Syrien zu suchen. Voraussetzung dafür ist die Identität des ägyptische Namens Jasir’ela (so nach HELCKS System gelesen) mit Israel. Eine andere Lesung des Textes erlaubt die Übersetzung:
Der Israel-Stamm ist verödet und ohne seinen Samen.
Beide ägyptischen Zeugnisse sind wesentlich älter als sämtliche bisher ermittelten Quellen der Bibel und datieren aus der Zeit, als Ägypten Kolonialmacht über das Land Kanaan war. Beide ägyptischen Texte aber deuten auch darauf hin, daß das Volk Israel und die Jahwe-Beduinen keine besondere Bedeutung besessen haben oder gar in der umfangreichen geographischen Listenliteratur kanaanäischer Städte und Völker eine Sonderstellung einnahmen.
Diese Zeugnisse sind die einzigen, direkten Erwähnungen von Jahwe und Israel in historisch-ägyptischer Zeit. Freilich sind schon im Mittleren Reich vereinzelt Städte aus Palästina erwähnt. Abgesehen von dem Märchen des Sinuhe, das zur Zeit Sesostris I. spielt und in Nordsyrien angesiedelt ist (um 1960 v. Chr.) , gibt es vereinzelt Berichte von Feldzügen, so im Jahr 27 Sesostris’ III. (1878 v. Chr.), wo ein Offizier die Einname von skmm d.h. der Gegen von Sichem meldet . In den Ächtungstexten der späten 12. und 13. Dynastie (um 1770 v. Chr.) werden neben allerlei unbekannten Orten Fürsten samt Familien von Hebron, Moab, Rehob bei Akko, Judäa, Askalon und Jerusalem genannt . Sie liegen für die Ansetzung der biblischen Chronologie zu weit zurück (sofern man nicht wie ROHL diese Chronologie um 350 Jahre verkürzt ), als daß sie für die Landnahme und das Königreich Israel von Bedeutung wären, wie sie im Alten Testament geschildet werden.
5. Die biblische Chronologie in der Antike und der neueren Geschichtsschreibung
Als der Text des Alten Testamentes in die Form gebracht war, in der er jetzt erhalten ist und damit kanonisch wurde, galt die Bibel sehr rasch als Grundlage für profane Geschichtsschreibung. Sie war auch in ihren Inhalten nicht mehr bezweifelbar, im Gegenteil: die Bibel galt als allerbeste Quelle, weil ja nicht nur das hohe Alter der Geschichte der Juden darin festgeschrieben war, sondern weil solche alten, und durch das Alter geheiligten Traditionen gar nicht irren konnten.
Die griechisch-römischen Schriftsteller der Geschichte, insgesamt rund 120 Autoren, befassen sich mehr mit Faktenschilderungen, seltener mit religiösen Themen und sogar mit Reiseberichten, aber nur ganz ausnahmsweise mit Chronologie. Entsprechend gering ist die Ausbeute der „Historia antiqua“ von Johann EICHBORN , worin er alle lateinischen Autoren berücksichtigt und zur Geschichte Ägyptens vermerkt:
Die alte Geschichte der Ägypter hat nicht einmal ein einziger lateinischer Schriftsteller aus griechischen Autoren rekapituliert
In diese Lücke mußten dann „Fakten“ der Bibel einspringen, freilich, aus der ehemals reichen historischen Literatur des Altertums blieben nur wenige Werke erhalten, die die biblischen Fakten „bestätigten“ und verteidigten, also eigentlich echte, apologetische Schriften. In ihnen nimmt die biblische Geschichte einen breiten Raum ein und besitzt den Charakter der Authentizität. Nur sie waren auch für christliche Traditionalisten überhaupt interessant. Darum sind auch die Schriften des FLAVIUS JOSEPHUS besser erhalten geblieben als z.B. kritische Schriften heidnischer Chronisten und Historiker, die sich vorurteilsfrei mit orientalischer Geschichte beschäftigt hatten, was aber selten vorkam.
Schon zu JOSEPHUS’ Zeiten hat es Versuche gegeben, die historischen Daten und Fakten der Bibel mit den sonstigen, damals verfügbaren Quellen und Fakten in Einklang zu bringen und kritisch zu untersuchen und zu werten. JOSEPHUS selbst treibt solche Quellenkritik in seinen „Altertümern“, indem er klassische Autoren korrigiert oder weitverbreitete, heidnische Vorstellungen zu widerlegen sucht. So führt er in einer Liste 70 Namen der Stammesväter Israels auf, die schwierig zu sprechen und für griechische Ohren ganz barbarisch und völlig aussagelos klangen mit der Begründung:
Ich glaubte, diese Namen aufführen zu müssen, um diejenigen zu widerlegen, die behaupten, daß wir (die Juden) ursprünglich nicht aus Mesopotamien stammen, sondern aus Ägypten kommen.
Selbst HERODOT wird nach der Bibel berichtigt: König Sesostris soll eine Namensverwechslung sein, der Eroberer Palästinas und Syriens sei vielmehr Schoschenk gewesen ant. 7, 10, 3. Andere Autoren werden von JOSEPHUS bewu0t abfällig behandelt und verunglimpft, wenn sie sich mit ägyptischer Geschichte befaßt haben. JOSEPHUS schreibt sogar ein ganz polemisches Werk „Gegen Apion“, der es gewagt hatte, als Heide über ägyptische Geschichte zu schreiben.
APION war alexandrinischer Wissenschaftler, der über die verschiedensten Themen arbeitete: grammatische Einzelfragen, Homerstudien und geschichtliche Themen, darunter schrieb er eben auch die 5 Bücher „Über Ägypten“, die JOSEPHUS bekämpft. Darin werden aber nicht nur historische Themen behandelt, der Stoff der Bücher war viel weiter gefaßt und handelte von allem , was in Ägypten an Wunderbarem gesehen und gehört werden konnte . Auf der Suche nach Material dafür ist APION offenbar weit gereist, denn er hat sich auf dem Memnonkoloß von Westtheben als Tourist in einer Besucherinschrift verewigt. Damit steht seine Existenz außer Frage, und sein Aufenthalt in Westtheben zu Studien der ägyptischen Vergangenheit ist augenfällig dokumentiert.
Die erhaltenen Auszüge der 5 Bücher des APION behandeln auch dementsprechend ein buntes Panoptikum an Themen: Smaragd, verliebte Delphine, Pyramiden, Skarabäus, Schweinsfisch, doch auch das wundersam hohe Alter ägyptischer Geschichte. Das vierte Buch hat den Nebentitel „Von den Juden“. Darin scheint APION ausschließlich jüdische Geschichte zu kritisieren. Er koppelt diese historische Darstellung mit sensationslüsternen Einzelheiten antijüdischer Propaganda seiner Zeit, z.B. Anbetung eines goldenen Eselkopfes, Menschenopfer u.dergl.
JOSEPHUS greift nicht nur APION, sondern auch CHAIREMON und MANTHO an, HERODOT dagegen wird allenfalls am Rande erwähnt. Er zitiert Passagen aus den Schriften seiner Gegner - so blieben wenigstens Fragmente von ihnen erhalten - und versucht, ägyptische (Manetho), phönizische (Dion), „barbarische“ (Menander), chaldäische (Berossus) und griechische Geschichtsschreibung unter einen Hut zu bringen, um seine Theorie von dem hohen Alter der Juden nachzuweisen, insbesondere von dem Aufenthalt der Juden in Ägypten, um den Exodus der Juden zu legitimieren. Dabei zitiert JOSEPHUS, was in der Antike selten ist, sogar verschiedene Abschriften des gleichen Werkes von MANETHO, wenn es seinen Beweisen hilft.
Für JOSEPHUS ist die Einwanderung der Juden und die Josephsgeschichte mit der Einwanderung der Hyksos identisch. Der Exodus mit Mose fällt mit der Vertreibung der Hyksos aus Ägypten zusammen . Die Gleichsetzung Juden = Hyksos war damals nicht zwingend: die Ägypter verleugnen sie und streiten sie ab, „weil sie die Juden seit altersher hassen“
Um die Vertreibung der Hyksos aus Ägypten haben sich frühzeitig mehrere Volksmärchen gesponnen, eines davon schon in altägyptischer Zeit . Ein anderes erzählt JOSEPHUS als „Prophezeiung des Amenophis“: Aufgrund einer Traumerscheinung der Göttin Isis soll Ägypoten von allen Leprakranken und Aussätzigen gesäubert werden, damit die Götter versöhnt würden. Sie werden gesammelt und in die östllichen Steinbrüche geschickt. Der weise Amenophis hatte aber vorhergesehen, daß diese sich gegen Ägypten erheben werden, hat seine Prophezeiungen in einem Buch niedergeschrieben und daraufhin sich selbst getötet. Die Ausssätzigen haben sich als ihren Führer „Osarsiph, ehemals Priester von On“ gewählt und die Stadt Auvaris erobert. Mit Hilfe der „Hirten von Jerusalem“, die sie ins Land riefen, hielten sie große Gebiete Ägyptens besetzt und eroberten das Niltal. König Amenophis flieht nach Äthiopien und kehrt mit einem Hilfsheer zurück. Er schlägt die Aussätzigen und die Hirten und treibt sie nach Syrien zurück.
In diesem Märchen kam es JOSEPHUS auf mehrere zentrale Themen an: Die Juden sind keine Ägypter. Die biblischen Namen Mose und Joseph verbergen sich hinter dem Namen Osarsiph. Die Vorväter der Juden sind keine Kranken und Aussätzigen in Ägypten gewesen.
Vorausgesetzt, daß JOSEPHUS korrekt aus Manetho, Chairemon und Apion zitiert hat, enthält das griechisch-ägyptische Märchen von der Vertreibung der Hyksos eigentümliche Verdrehungen und Mißverständnisse. Typische Märchenmotive wie Traumerscheinung der Göttin Isis, Prophezeiung eines Weisen, werden mit falsch verstandenen oder verdrehten Fakten kombiniert: Strafgefangenen in den Wüstenbergwerken werden Nasen und Ohren abgeschnitten, daher stammt offenbar die Fabel von dem Aussatz.
Daneben kommt eine Volksetymologie vor, die JOSEPHUS besonders anstößig findet : Das hebräische Wort Sabbath und der Gottesname Sabaoth wird mit dem ägyptischen Wort sabbô, sabbaôsis „Lepra“ in Verbindung gebracht APION greift das scherzhaft auf und malt es genüßlich aus:
Als die Juden sechs Tage gereist waren, hatten sie Blasen an ihren Lenden, und deswegen ruhten sie am siebten Tage, da sie nach Judäa kamen. Denn damals bewahrten sie noch die Sprache der Ägypter und nannten diesen Tag Sabbath, denn der Ausschlag an ihren Lenden wurde sabbaôsis (var. sabatosis) von den Ägyptern genannt.
Tatsächlich gibt es das ägyptische Wort sbH kopt. ?????„Aussatz, Lepra“ . Mit dem Adjektiv zusammen lautet es sabhô „großer Aussatz“, worauf die Etymologie aufgebaut ist und worauf das Märchen mit seinen „Aussätzigen“ ebenfalls anspielt.
Für die Chronologie freilich war auch damit nichts gewonnen, denn die Identität der Hyksos mit den Juden war schon damals widerlegt. Da helfen auch keine tiefgründigen Wortforschungen des JOSEPHUS oder willkürliche Behauptungen, daß die Hyksos-Juden nach dem Exodus Jerusalem erbaut hätten, obwohl auch das JOSEPHUS aufgrund seines Bibbeltextes besser weiß und sich selbst widerspricht.
Nur sehr schwerfällig versuchte sich die Geschichtsschreibung des Alten Orients von der Vorherrschaft der Bibel zu befreien. Das Alte Testament galt ja lange Zeit als das älteste Buch der Welt, wie ja auch Hebräisch als die älteste Sprache angesehen wurde, gewissermaßen als Ursprache der Menschheit, bis LEIBNITZ aufstand, dieses Vorurteil endgültig beseitigte und dieses gewaltige Hindernis der Sprachwissenschaft richtig stellte .
Die Heilige Schrift der Christen wie der Juden, womöglich in jeder Zeile von göttlichem Geist inspiriert, war Fundament der Geschichte. Die darin niedergeschriebene Chronologie ist seit dem Altertum maßgeblich geworden. Sie erwies sich für die wissenschaftlilche Geschichtsschreibung als erheblicher Hemmschuh. Es hat sehr viel Mühe, Fleiß und Bekennermut gekostet, die schwankenden Gefilde biblischer Chronologie aufzugeben, die Geschichte des Vorderen Orients von der Vorherrschaft des Alten Testamentes zu befreien und eine eigene, den Quellen und Denkmälern angepaßte und passendere Geschichte zu entwickeln.
Dabei soll nicht verkannt werden, daß gerade die Erwähnung und Spiegelung des Alten Orientes in der Bibel die Orientalistik besonders gefördert hat, und man hat aus diesem Grund „zwecks Bestätigung“ Ausgrabungen unternommen und Expeditionen nach Ägypten, Babylonien und Palästina geschickt. Die so gewonnene Erweiterung des Wissens über die Geschichte der Völker des Nahen Ostens hat zur Erschließung ihrer eigenen Quellen geführt. Die Entzifferung der älteren Schriften wie Phönizisch, Keilschrift in babylonischer, sumerischer, assyrischer Sprache und der Hieroglyphen erbrachte ungefilterte Nachrichten: astronomische Fakten, Annalen, Königslisten, Berichte und Inschriften haben da Gesicht der orientalischen Chronologie entscheidend gewandelt.
Die alttestamentliche Chronologie wurde sehr widerstrebend aufgegeben. Es hat heftigste Erschütterungen gegeben, so der Babel-Bibel-Streit 1902 - 1904, in den sich sogar der deutsche Kaiser mit einer Grundsatzerklärung einschaltete. Erst allmählich wurde man den Ergebnissen der Ägyptologie und der Assyriologie zugänglicher.
Glücklicherweise ist die Ägyptologie bei diesem Babel-Bibel-Streit weitgehend verschont geblieben. Entsprechend fehlen auch solche leidenschaftlichen Vertreter des Panägyptizismus, wie sie eine ganze Epoche lang in der Assyriologie vorherrschend waren und dort unter dem Schlagwort ‘Panbabylonismus’ Schule machten. So fehlen in der ägyptischen Fachliteratur Werke wie das des Aage SCHMIDT „Gedanken über die Entwicklung der Religion aufgrund der babylonischen Quellen“ , P. JENSEN „Das Gilgamesch-Epos in der Weltliteratur“ , das alle Literatur der Welt aus dem Gilgamesch herleitet, oder HOMMELS „Geschichte des alten Morgenlandes“ , das die Geschichte panbabylonisch statt biblizistisch betrachtet . Auch die Ausflüge in die Sternenkunde und Astrologie sind in der Ägyptologie nur in der Anfangszeit bekannt. So ist denn auch die Streitschrift von HALTENHOFF „Die Wissenschaft vom alten Orient in ihrem Verhältnis zu Bibelwissenschaft und Offenbarungsglauben“ ausschließlich an babylonischen Problemen interessiert.
Durch Ausbildung der „modernen“ Chronologie und der Spaltung in die nationalen Geschichten des ägyptischen, hetthitischen, babylonische, persischen und syrischen Raumes ist die Bibelchronologie nach und nach in Vergessenheit geraten. Allenfalls naive, bibelverharrende Darstellungen wie z.B. die Zeittafel-Anhänge jeweiliger Bibelausgaben: Bibel in Auswahl , Begleitbibel , Taschenausgabe , Die Gute Nachricht mit zunehmander ‘Anpassung’ an die Ergebnisse der orientalistischen Forschungen versuchen, die Ergebnisse der Historiker zu relativieren und am althergebrachten Standard biblischer Geschichtsschreibung festzuhalten.
Hierher gehören auch die vielen redaktionell bearbeiteten Sensations-Sach-Bücher mit verräterischen Titeln: Und die Bibel hat doch recht - sogar in Bildern Der Spaten bestätigt die Bibel , Von Sinuhe bis Nebukadnezar , Zwischen Nil und Euphrat, archäologische Erläuterungen zur Bibel und erst jüngst: Pharaonen und Propheten, das Alte Testament auf dem Prüfstand.
Die christlich-byzantinischen Historiker stellen als erste eine geschichtliche Übersicht „seit Erschaffung der Welt“ zusammen, die mehr oder weniger modifiziert bis in die frühe Neuzeit Gültigkeit hatte. Ein gutes Beispiel dafür ist das Buch von Gabriel BUCELLIUS „Der gantzen Universal Historiae Nußkern“ Er läßt die Weltgeschichte im Jahr 4054 v. Chr. beginnen und fängt mit Jahr 1 an. Außerhalb seiner Tabelle listet er 56 Autoren auf, die das Datum der Weltgründung anders errechnen und ihre Angaben schwanken von 3509 - 6984 v. Chr..
Der erste Eintrag über Ägypten findet sich dort im Jahr 1600 unmittelbar nach dem „Sündfluß“, garniert mit 16 verderbten Königsnamen „Egyptischer Königen, welche von den arabischen Scribenten in ihrer Succession gesetzt werden“ . So stützt sich der gelehrte Abt also nicht auf klassische Autoren der Griechen und Römer allein, sondern berücksichtigt eine für seine Zeit recht exotische Quelle, die er vermutlich von Athanasius KIRCHER bezogen hat.
Jakob PERIZONIUS hat in seinem Werk „Aegyptorum originum et temporum investigatio“ den Versuch unternommen, Angaben klassischer Autoren mit den Angaben der Bibel zu vereinigen und hat erstmals kritisch beide Überlieferung strikt getrennt und chronologisch gewürdigt. In der Zusammenschau Bibel - Klassische Historiker ergaben sich freilich für ihn so viele Widersprüche, daß er von einer neuen Chronologie absah und sich auf Namensetymologien beschränkte. Die biblische Chronologie stellte er jedenfalls nicht in Frage.
Das versuchte auch nicht die „Histoire universelle depuis le commencement du monde“ , die teils auf den Ergebnissen des PERIZONIUS beruhte, aber auch orientalische Quellen für ihre Darstellung heranzog. Immerhin stellt sie zeitgenössische Reiseberichte neben die Angaben klassischer Autoren und relativiert zumindestens landeskundliche Angaben, zeichnet sogar historische Karten und stellt komplzierte Stammbäume auf, die in Kupfer gestochen wurden. Bei den historischen Übersichtstafeln allerdings bleibt die Geschichte - wie PERIZONIUS - in dem heillosen Durcheinander der Namensvarianten ägyptischer Könige stecken, die Griechisch und Lateinisch auch unterschiedliche Namen tragen.
Den gleichen Sachverhalt stellt noch GESNER in seinen „Isagoges“ dar, während F. C. SCHLENKERT in seinem „Almanach für die Geschichte der Menschheit“ erstmalig die biblische Chronologie kritisch behandelt. Er errechnet zwar auch die Epochen der Menschheitsgeschichte von der Erschaffung der Welt an aufwärts, schiebt aber thematische Schwerpunkte ein: Ägypten ist mit 147 Seiten (von insgesamt 291 S.) überproportional berücksichtigt, allerdings ist seine Darstellung eher literarisch zu werten und nicht folgerichtigt chonologisch-historisch aufgebaut.
Die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft setzen sich sehr schwer in den populärwissenschaftlichen Darstellungen durch: Die „Allgemeine Geschichte“ von Carl Wilhelm BÖTTICHER streift Ägypten nur am Rande und bleibt in der althergebrachten Datierung „von Gründung der Welt an“ hängen.
Die „Allgemeine Weltgeschichte“ von Anton HENNE verläßt das Gerüst der althergebrachten Chronologie, hat die inzwischen erzielten Ergebnisse der Assyriologie und Ägyptologie seiner Zeit eingearbeit, seine Darstellung der Geschichte auf den neusten Stand gebracht und entwickelt ein eigenes System der Geschichtsschreibung. Seine Einleitung ist interessant:
Der Umstand, da´unsere Kirche auf der israelitischen fußt, gab den religiösen Schriften dieses Volkes auch wissenschaftlich dogmatische Geltung, und die Lehrbücher der Geschichte nahmen die sog. mosaisische Zeitrechnung gläubig an, ohne zu untersuchen, weder ob wirklich Moses sie hinterlassen, noch ob wir sie in ihrem alten Zustand besitzen; ohne an ihre kritische Prüfung die Sorgfalt zu verwenden, die man sich bei den Profanschriften unbedenklich und mit Erfolg gestattete. So lassen, angewöhnt, unsere Geschichtsbücher die Menscheit 4000 und einige Jahre vor der jetzigen Zeitrechnung beginnen... gleich, was auch Verstand und Beobachtung fortwährend dazu sagen mochten.
Dieser kritischen Haltung sind denn auch mehr oder weniger die Darstellungen der Ägyptischen Geschichte gefolgt. Noch ganz im Banne der Bibel ist das Buch von Gustav SEYFFART „Übersicht über neue Entdeckungen“ , in dem er die biblische Chronologie anhand seiner astronomisch/astrologischen Studien und ausgehend von seiner mythisch phantasievollen Hieroglyphenlesung festzuhalten sucht. UHLEMANNs verdienstvolle Studien setzen sich damit kritisch auseinander . Selbst noch Alfred WIEDEMANNs Geschichte von Altägypten ist biblisch orientiert, obgleich schon populärwissenschaftliche Werke wie das von Karl OPPEL
mit diesen Erkenntnissen gebrochen hatten und sich die Fachliteratur ohnehin sehr rasch aus dem Korsett der biblischen Chronologie befreit hatte, so LIEBLEIN oder LAUTH.
Es ist jedoch erstaunlich, daß selbst in heutiger Zeit noch „biblische Chronologie“ im Vordergrund steht und daß die Ergebnisse der Ägyptologie wie der Assyriologie stets daran gemessen werden, in wieweit sie biblische Fakten und Erzählungen bestätigen können. Das hat besonders für die Archäologie Palästinas erhebliche Folgen, da man in jedem ausgegrabenen Schutthügel israelitische Reste vermutete und suchte, unabhängig davon, was die Ausgrabungsfunde zeigten oder in welchem Zusammenhang die Ergebnisse dazu standen. So werden sogar noch in jüngster Zeit archäologisch gesicherte Stratigraphien hemmungslos nach oben oder nach unten gezerrt, bloß um den Berichten des Alten Testamentes Genüge zu tun.
Sogar unbestrittene Textentlehnungen interpretiert man kunstvoll weg, weil sie die „Einzigartigkeit des Alten Testamentes“ in Frage stellen. Eine solchen Doppelsalto in der Argumentationskunst will ich hier zum Schluß nennen. Mit Hilfe solcher Argumentation kann man natürlich alles beweisen (und ebenso gut widerlegen). Es handelt sich um die enge Verwandschaft zwischen dem Hymnus Amenophis’ IV. an den Aton und Psalm 104:
Unvermeidlich drängt sich die Frage auf, ob einer der beiden Dichter vom anderen entlehnt hat, und welcher dies wohl war. Wenn es hier auf die Zeit der Niederschrift ankäme, so wäre natürlich der Psalm Amenophis’ IV. der ältere. Aber die Zeit der Niederschrift ist nicht entscheidend für das Alter einer Urkunde; denn jede Urkunde, deren Alter wir kennen, kann schon auf eine ältere zurückgehen. Freilich, in unserem Falle könnte man sagen: Zur Zeit, als Amenophis IV . seinen Psalm dichtete, gab es noch kein Volk Israel; also muß der biblische Psalmendichter von Amenophis IV. entlehnt haben. Allein, gerade bei einem Psalm Amenophis’ IV. ergeben sich für einen solchen Schluß Schwierigkeiten. Der Sonnenkult Amenophis’ IV. wurde bald nach seinem Tode beseitigt; und so wird auch sein Hymnus auf das Tagesgestirn bald in Vergessenheit geraten sein, um erst nach mehr als 3000 Jahren wieder dem Schutt der Vergangenheit entrissen zu werden. Wir müssen daher nach einer anderen Deutung für diese Ähnlichkeit Ausschau halten... Hat also ein kanaanäischer Psalm Amenophis IV. als Vorlage gedient und wurde er einige Jahrhunderte später auch dem biblischen Dichter bekannt, der ihn dann in seiner Art umgestaltete?
Diese Frage kann getrost verneint werden. Hätte der Schreiber doch einmal in den Text der Atonhymne geschaut, wo zu lesen ist:
Du hast die Erde geschaffen nach deinem Wunsche, ganz allein...
Die Fremdländer von Syrien und Nubien, (dazu) das Land Ägypten -
Jedermann stellst du an seinen Platz und sorgst für seine Bedürfnisse...
An dieser Stelle betont Echnaton geradezu programmatisch seinen Atonkult erst für die Fremdländer Syrien und Nubien, und dann schließlich für Ägypten. Das ist umso seltsamer, da sonst die barbarischen Fremdländer stets an zweiter, nie an erster Stelle in ägyptischen Texten genannt werden.
Der ägyptische Sonnentempel des Aton stand in seiner Hauptstadt Achetaton, der nubische Tempel, genannt Gem-Aton „Aton wurde gefunden“ ist in Sesebi gelegen , der „syrische“ Atontempel gilt bisher als verschollen: Er liegt unausgegraben unter dem Tell el-Bedeiwije im Stammgebiet von Zebulun , der auch heute noch Hannathon Jos 19, 14 oder in besserer Lesung Ha-n-aton heißt, d.i. ägyptisch Hw.t nj.t jtn „Tempel des Aton“ . Dabei ist bemerkenswert, daß die alte Vokalisation des Wortes Hat- „Tempel, Haus“ mit Assimilation des Femininums an den Genetiv erhalten blieb, wie sie auch z.B im Namen der Göttin Hathor erhalten ist.
Fazit der Geschichte: Wenn nördlich von Megiddo bei Jokneam ein Atontempel stand, ist es natürlich und wahrscheinlich, daß der Sonnengesang des Echnaton dort im Kultus erklungen ist. Folglich mußten die Kanaanäer und anschließend die Israeliten nicht erst nach Ägypten ziehen und eine Grabwand beschauen, um mit der Hymne in Kontakt zu kommen. Insofern steht sogar archäologisch zweifelsfrei fest, wer zuerst da war: das Ei oder die Henne, in diesem Falle die Hymne oder der hebräische Psalm.
© Dr. Wolfgang Kosack
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| Zehn-Prozent-Mythos |
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Geschrieben von: Eik - 17.02.2017, 22:10 - Forum: Wissenschaft und Forschung
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Zehn-Prozent-Mythos
Künstlerische Umsetzung des Zehn-Prozent-Mythos
Sinngemäß ähnliche Behauptungen wie
„Der Mensch nutzt nur etwa 10 Prozent seiner Gehirnkapazität.“
werden seit mehr als 100 Jahren vielfach kolportiert und auch fälschlicherweise berühmten und intellektuell leistungsfähigen Personen (z. B. Albert Einstein oder Margaret Mead) zugeschrieben.
Der kanadische Neuropsychologe Barry Beyerstein forschte 1999 nach der Entstehung dieser Aussage und prägte dabei den Begriff Zehn-Prozent-Mythos.
Nach heutiger Auffassung entstand diese in der parawissenschaftlichen und Selbsthilfe-Literatur verbreitete, falsche Behauptung durch Missverständnisse oder Fehlinterpretationen physiologischer und neurowissenschaftlicher Untersuchungen und Experimente. Mehrfach haben sich Autoren in diesem Zusammenhang unbelegt auf den früher in Harvard tätigen Psychologen und Philosophen William James (1842–1910) berufen, der aber diesbezüglich nie eine quantitative Aussage machte.
Umfragen zufolge sind etwa zwei Drittel selbst naturwissenschaftlich Interessierter von der Richtigkeit des Mythos überzeugt, obwohl er mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Argumenten zweifelsfrei widerlegt werden kann. Dessen ungeachtet wird der Zehn-Prozent-Mythos weiterhin durch die Popkultur und durch gelegentliche Verwendung in der Werbung perpetuiert.
Inhaltsverzeichnis
Aussage des Zehn-Prozent-Mythos
Die Aussage, dass der Mensch normalerweise nur einen kleinen Prozentsatz, beispielsweise 10 Prozent, seiner Gehirnkapazität (oder seines „Gehirnpotentials“) nutzt und die restlichen 90 Prozent „brach liegen“, ist ein weit verbreiteter Mythos.[1][2] Zusätzlich wird er oft und fälschlicherweise berühmten und intellektuell leistungsfähigen Personen wie Albert Einstein[3] – bezüglich Einstein kann diese Aussage nicht belegt werden[1] – oder Margaret Mead[4] zugeschrieben und suggeriert dadurch, dass diese Personen gewusst hätten, wie eigene, ungenutzte Kapazitäten hätten freigesetzt und genutzt werden können.
In einer weiteren Übersteigerung des Mythos propagieren einige Vertreter des New Age den Glauben daran durch die Behauptung, dass die Aktivierung der vorgeblich ungenutzten 90 Prozent des Gehirns den Menschen in die Lage versetzen würde, besondere psychische Kräfte auszuüben und durch Training Psychokinese durchführen zu können und außersinnliche Wahrnehmung zu erlangen.[5][6][7][8] Es gibt keine wissenschaftlich reproduzierbaren Experimente mit überprüfbaren Beweisen, die eine solche Aktivierung und die Existenz solcher Kräfte bestätigen.[8]
„Gehirnkapazität“
Der oft in Formulierungsvarianten des Zehn-Prozent-Mythos verwendete Begriff „Gehirnkapazität“ (lateinisch capacitas ‚Fassungsvermögen‘) ist unscharf definiert und hat verschiedene Bedeutungen. Er kommt vor allem in der älteren Fachliteratur und der Populärliteratur vor. Dort steht „Gehirnkapazität“ für unterschiedliche Gegebenheiten wie beispielsweise Gehirnvolumen, Intelligenz, Gedächtnisleistung oder allgemein „Leistungsfähigkeit des Gehirns“.
Eine der frühesten Verwendungen von Gehirnkapazität findet sich 1869 in einem medizinischen Journal und bezieht sich ausschließlich auf das Gehirnvolumen, das in diesem Fall bei mehr als 2000 Schädeln vermessen wurde.[9] Dieser Bezug auf das Hirnvolumen findet sich bis etwa in die 1960er Jahre.[10] Heute werden in der wissenschaftlichen Literatur je nach Aspekt vorzugsweise die präzisen Begriffe „Gehirnmasse“ (bei Massenangabe in Gramm)[11] oder „Gehirnvolumen“ (bei Angabe in Kubikzentimeter) verwendet.[12]
Ab Beginn des 20. Jahrhunderts kommen zusätzlich weitere und oft diffuse Bedeutungen von Gedächtnisleistung (beispielsweise „Speicherung von Erinnerungsbildern“)[13] und anderer geistiger Fähigkeiten des Gehirns hinzu.
Ebenso unscharf definiert wie Gehirnkapazität sind weitere Begriffe, die in Variationen des Zehn-Prozent-Mytos auftauchen: Gehirnmöglichkeiten, Gehirnaktivität, Gehirnpotenzial, Gehirnenergie/Gehirnkraft (brain power), mentale Fähigkeiten/Mittel/Kräfte, sowie analoge Formulierungen mit Geist (mind).
Verwendung Bearbeiten
Der Pädagoge Serge Larivée,[14] der Physiologe Jean-François Pflieger[15] (beide von der Université de Montréal) sowie die Psychologin Jacinthe Baribeau[16] von der Université Laval haben le mythe du dix pourcent in einer wissenschaftlichen Publikation untersucht.[17] Dabei stellten sie fest, dass die Mehrheit der Zitate zum Zehn-Prozent-Mythos aus Zeitschriften und Büchern der Populärpsychologie stammen und dort besonders unter den Themengebieten des positiven Denkens (Selbsthilfeliteratur) und des pseudowissenschaftlich Paranormalen zu finden sind.
Die Autoren dieser Werke sind üblicherweise keine Naturwissenschaftler. Sie bewerben mit dem Mythos ihre Ideen und Methoden, die Nutzung des Gehirns über die vermeintlichen zehn Prozent hinaus ausdehnen zu können. Dies geschehe „durch pädagogische Argumente und Autosuggestion durch irrationale Mittel“.[17] Um das zu erreichen, werden einerseits wenig oder nicht definierte Begriffe wie „Kräfte“, „Kapazität(en)“, „Ressourcen“ und „Potenzial“ aus dem Bereich „Macht/Energie“ (engl. power) verwendet, die zusätzlich mit konkreten Zahlen in Verbindung gebracht werden, was suggeriert, dass eine Messung vorausgegangen ist.[17] Andererseits wird die Existenz der angeblich geringen Gehirnnutzung mit unbelegten Aussagen von oft nicht näher genannten Akademikern (Psychologen, Neurobiologen, Physiologen etc.) untermauert.[17] Zusätzlich helfen Aussagen der Art „wie jeder weiß“, „wie mehrfach gezeigt wurde“, oder „die Fachleute sind sich einig“, um diese Aussagen zu etwas zu machen, was psycho-fact[18] (Mentefakt) genannt wird: Eine Behauptung muss nur allgemein und oft genug wiederholt werden, damit sie ohne Hinterfragung als Tatsache hingenommen wird.[17]
Beispiele ab 1910
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts finden sich in der populärpsychologischen Literatur Beispiele zum Zehn-Prozent-Mythos.
1910 – Im US-amerikanischen The Dental Register findet sich unter symmetry and endurance (Symmetrie und Ausdauer) die Feststellung: „The average man is using only one-fourth of his physical possibilities and one-tenth of his brain possibilities. The average brain shows only one tenth of the cells ever developed at all.“[19][20]
1915 – Im YMCA-Jugendmagazin Young Men wird behauptet: „The late Professor James said that the average man was using only one-tenth of his brain power.“[21][22]
1922 – Die Werbung für das Buch The Secret of Mental Power im Popular Science Monthly zitiert Mark Twain und William James: „Mark Twain once said, that the average man didn’t make much use of his head except for the purpose of keeping his necktie from slipping off. And Professor William James claimed that the average man uses only about a tenth part of his brain.“[23][24][25]
1928 – In einer Anzeige von The Pelman Institute in der Zeitschrift Popular Science wird eine Broschüre zur effizienteren Selbstverwirklichung („Pelmanismus“) mit folgendem Text beworben: „There is no limit to what the human brain can accomplish. Scientists and psychologists tell us we use only about ten per cent of our brain power. The mind is like a muscle. It grows in power through exercise and use. It weakens and deteriorates with idleness.“[26][27]
1937 – In einem Vorwort zu dem Buch How to Win Friends and Influence People[28] (Wie man Freunde gewinnt. Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden.) des Kommunikations- und Motivationstrainers Dale Carnegie bezog sich der amerikanische Journalist Lowell Thomas auf eine Aussage von William James und gab dazu fälschlicherweise einen sehr genauen Prozentsatz an: „Professor William James of Harvard used to say that the average man develops only ten percent of his latent mental ability.“[29][30] Carnegies Buch wurde mehr als 15 Millionen Mal verkauft.[31]
1944 – Carnegie korrigiert und zitiert in seinem Buch How to Stop Worrying and Start Living (Sorge dich nicht – lebe!, 1948) William James ohne eine Angabe von Prozenten: „Compared to what we ought to be we are only half awake. We are making use of only a small part of our physical and mental resources. Stating the thing broadly, the human individual thus lives far within his limits. He possesses powers of various sorts which he habitually fails to use.“[32][33]
1950 – L. Ron Hubbard, der spätere Gründer von Scientology, schrieb in seinem Buch Dianetics: The Modern Science of Mental Health (deutsch Dianetik): „Thought processes are disturbed not only by these engramic commands but also by the fact that the reactive mind reduces, by regenerating unconsciousness, the actual ability to think. Few people possess, because of this, more than 10% of their potential awareness.“[34][35] Später wurde bei der Werbung für Dianetik auch der nicht belegbare Zusammenhang mit Albert Einstein verwendet.[36]
1960 – David V. Lewis bezieht sich in seinem Buch How to Master Your Memory auf William James, wenn er schreibt: „Experts agree that you are using only a fraction of your mental power. No less a pundit than Harvard’s great psychologist, William James, claims the average person habitually uses 10 to 15 percent of his brain power.“[37][38]
1960 – Aldous Huxley, der mit bewusstseinserweiternden Drogen experimentierte, hielt am San Francisco Medical Center der University of California einen Vortrag mit dem Titel Human Potentialities. Darin machte er die Feststellung: „The neurologists have shown us that no human being has ever made use of as much as ten percent of all the neurons in his brain.“[39][40]
1966 – Louis Pauwels und Jacques Bergier beschäftigen sich in Le matin des magiciens mit Realem und Paranormalem und berufen sich mit ihrer Aussage auf einen „docteur Warren Penfield“[41]: „Dans l’état de veille normal de la conscience, il y a un dixième du cerveau en activité. Que se passe-t-il dans les neuf dixièmes silencieux ? Et n’existe-t-il pas un état où la totalité du cerveau se trouverait en activité organisée ? […] Pourquoi [l’homme] ne posséderait-il pas une sorte de machine électronique analogique dans les profondeurs de son cerveau ? Nous savons aujourd’hui que les neuf dixièmes du cerveau humain sont inutilisés dans la vie consciente normale et le docteur Warren Penfield a démontré l’existence, en nous, de ce vaste domaine silencieux.“[42][43]
1979 – In seinem Buch Memory Made Easy reduziert Robert Leo Montgomery die Aussage auf die menschliche Erinnerungsfähigkeit: „Most of us, psychologists say, don’t use more than 10 percent of our native ability to remember.“[44][45]
1979 – Die auf Themen des Paranormalen spezialisierte Schriftstellerin Sheila Ostrander und Mitautorinnen zitieren in ihrem Buch Superlearning andere Schriftsteller, die wiederum sowjetische Physiologen zitieren: „In these accounts, writers invariably mentioned a basic contention of Soviet physiologists : We use barely ten percent of our brain capacity, yet we can learn to plug in to the other ninety percent; we can, as they put it, learn to tap the reserves of the mind.“[46][47]
1979 – Peter Russell behauptet in seinem Buch The Brain Book, dass sogar die Annahme von zehn Prozent viel zu hoch sein könnte: „It is frequently stated that we use only 10% of our full mental potential. This, it now appears, is rather an overestimate. We probably do not use even one percent more likely 0.1% percent or less.“[48][49]
1983 – In seinem Buch How to be twice as smart schreibt Scott Witt: „Most people use ten percent or less of their brainpower, leaving a vast reserve of mental abilities unused.“[50][51]
1983 – Larry Belliston und Craig K. Mayfield präsentieren hinterfragend „10 oder 20 Prozent“ in ihrem Buch Speed Learning Super Recall: „You’ve probably heard that we use only 10 or 20 percent of our mental powers. How can that be? Is there some secret to unlocking the other 80 or 90 percent?“[52][53]
1984 – Tony Buzan formuliert es in seinem Buch Make the Most of Your Mind ähnlich wie Peter Russell fünf Jahre vorher: „The commonly heard statement that on the average we use only 1 percent of our brain may well be wrong, because it now seems that we use even less than 1 percent.“[54][55]
1987 – In seinem Buch Accelerated Learning zieht Colin Rose die zehn Prozent in Zweifel und legt sich auf vier Prozent fest: „It used to be an often quoted statistic that we only use 10% of our potential brain power. The more psychologists have learned in the past 10 years however, the less likely they are to dare to attempt to quantify our brain potential. The only consistent conclusion is that the proportion of our potential brain power that we use is probably nearer 4% than 10%.“[56][57]
1990 – Arthur und Ruth Winter legen sich in Augmentez la puissance de votre cerveau auf einen geschätzten Bereich unter zehn Prozent fest: „Vous n’utilisez qu’une portion infime des capacités de votre cerveau estimé à un pourcentage qui peut varier entre 0,01 et 10 %.“[58][59]
1992 – Der in religiösen Studien promovierte Moses Adetumbi legt sich in seinem Buch You Are a Better Student Than You Think auf „weniger als 5 Prozent“ fest: „It has been estimated that an average person uses only a fraction (less than 5%) of his or her brain potential. Psychologists and neurobiologists alike agree that the human brain has almost unlimited capacity to learn.“[60][61]
Uri Geller
1996 – Der Illusionist und nach eigenen Angaben seit seiner Kindheit mit übersinnlichen Fähigkeiten begabte Uri Geller führt in einem seiner Bücher aus: „Our minds are capable of remarkable, incredible feats, yet we don’t use them to their full capacity. In fact, most of us only use about 10% of our brains, if that. The other 90% is full of untapped potential and an undiscovered ability, which means our minds are only operating in a very limited way instead of at full stretch. I believe that we once had full power over our minds. We had to, in order to survive, but as our world has become more sophisticated and complex we have forgotten many of the abilities we once had.“[62][63]
1997 – Michael Clark setzt in seinem Buch Reason to Believe. A Practical Guide to Psychic Phenomena die nicht benutzten Gehirnprozente dem Unterbewusstsein gleich: „We normally use 10% to 20% of our minds. Think how different your life would be if you could utilize that other 80% to 90% known as the subconscious mind.“[64][65]
2007 – Die australische TV-Drehbuchautorin und -Produzentin Rhonda Byrne schreibt in ihrem esoterischen Spiegel-Bestseller The Secret – Das Geheimnis: „Ich sehe eine Zukunft der unbegrenzten Möglichkeiten, von unendlich vielen Möglichkeiten. Denken Sie daran, dass der Mensch höchstens 5 Prozent des Potenzials seines Geistes nutzt. Das ganze menschliche Potenzial ist das Produkt einer angemessenen Ausbildung. Also, stellen Sie sich eine Welt vor, in der Menschen ihr volles zerebrales und emotionales Potenzial nutzen. Wir könnten überall hingehen. Wir könnten alles machen. Wir könnten alles erreichen.“[66]
Akzeptanz Bearbeiten
Umfragen wurden durchgeführt, um das Ausmaß der Akzeptanz des Zehn-Prozent-Mythos abzuschätzen.
Verbreitung
In den drei hier gelisteten Untersuchungen waren mindestens 69 Prozent oder mehr der Befragten – Psychologie- oder Biologiestudierende sowie an Psychologie interessierten Fachbereichbesucher – von der Richtigkeit des Mythos überzeugt:
Higbee und Clay untersuchten 1998 die Hypothese, dass bei Psychologiestudenten nach dem Grundstudium der Glaube an den Zehn-Prozent-Mythos geringer sei als bei Studenten ohne psychologische Vorbildung (Vergleichsgruppe). Die Hypothese konnte nicht bestätigt werden. Die Psychologiestudenten waren optimistischer in der Prozentschätzung (5 bis 90 Prozent potential brain power) verglichen mit der Kontrollgruppe (5 bis 60 Prozent potential brain power); „10 Prozent“ wurde von je knapp einem Drittel in beiden Gruppen am häufigsten genannt, beide Gruppen waren überzeugt, dass diese niedrige Prozentzahl gesteigert werden könne, und Studenten beider Gruppen „hatten davon gelesen oder gehört“, konnten aber zum „Wo“ keine konkreten Angaben machen.[67]
Kanadische Forscher stellten 67 Biologiestudenten (2. und 3. Jahr nach Studienbeginn) vor eine Ja-Nein-Entscheidung zu der Aussage „Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns“; 53 von ihnen (79,1 Prozent) hielten diese Aussage für richtig.[17]
Der Neuropsychologe Sergio Della Sala legte Besuchern beim Tag der offenen Tür des Fachbereichs Psychologie der University of Aberdeen 16 Ja-Nein-Fragen vor, darunter auch „Menschen benutzen üblicherweise nur 10 Prozent ihres Gehirns“. Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) der Besucher stimmten dieser Aussage zu.[68]
Erklärung Bearbeiten
Der Neurowissenschaftler Gregory Hickok hat erklärt, wie es zu einer solchen Fehlannahme kommen kann: „Mythen über das Gehirn entstehen in der Regel auf folgende Weise: Ein faszinierendes Versuchsergebnis erzeugt eine plausible, aber noch spekulative Interpretation (ein kleiner Teil des Gehirnlappens scheint ausreichend zu sein), die später überinterpretiert oder verzerrt wird (wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns). Die so entstandene Karikatur infiltrierte letztlich die Populärkultur und entwickelte dort ein von den Fakten, die sie hervorgebracht haben, ganz unabhängiges Eigenleben.“[69][70] Damit kann eine solche Behauptung menschliche Schwächen erklären und bedient die Hoffnung – positives Denken – dass dem abgeholfen werden kann, indem man die restlichen 90 Prozent auf verschiedene Arten und Weisen aktivieren und damit für sich selbst gesehen eine „Verbesserung“ erzielen kann.[17]
Mögliche Ursprünge
Der exakte Ursprung des Zehn-Prozent-Mythos ist nicht eindeutig feststellbar. Es ist auch nicht bekannt, ob er durch nur eine missverstandene oder gleich mehrere wissenschaftliche Aussagen[71] ausgelöst wurde, oder ob zusätzlich später nachfolgende wissenschaftliche Resultate als „Bestätigung“ hinzugenommen wurden.
Nachvollziehbar ist, dass über die letzten zwei Jahrhunderte mehrere Physiologen und Neurowissenschaftler dokumentierte Aussagen aus ihrem damaligen, meist sehr vereinfachten Verständnis der Gehirnfunktionen hinterlassen haben, die einzeln oder gemeinsam und ohne Berücksichtigung des Zusammenhangs als mögliche Auslöser der Mythosentstehung angesehen werden können.
Das Gehirn betreffende Aussagen
Franz Joseph Gall
Marie-Jean-Pierre Flourens
Charles-Édouard Brown-Séquard
William James
William James Sidis
Rudolf Virchow
Wilder Penfield
Georgi Losanow
Anfang 19. Jahrhundert – Ein möglicher Ursprung[17] könnte in der von Franz Joseph Gall (1758–1828) begründeten Phrenologie liegen, bei der man annahm, dass allein die kortikalen Neuronen in abgegrenzten Hirnarealen für Persönlichkeit und Denkprozesse verantwortlich seien.
Frühes 19. Jahrhundert – Der Physiologe Marie-Jean-Pierre Flourens (1794–1867), ein Gegner der Phrenologie, führte Experimente mit Tauben, Hühnern und Fröschen durch: Er entfernte immer größere Teile des Gehirns und beobachtete danach das Verhalten dieser Tiere. 1824 schrieb er: „Man kann vom vorderen, hinteren, oberen oder seitlichen Teil eine gewisse Menge der zerebralen Lappen entfernen, ohne ihre Funktion zu zerstören.“[70]
1876 – Der Physiologe und Neurologe Charles-Édouard Brown-Séquard (1817–1894) machte eine Aussage zur unvollkommenen Entwicklung von geistigen Fähigkeiten, als er feststellte, dass sich hinsichtlich der Fähigkeiten des Gehirns „sehr wenige Menschen sehr weit und vielleicht niemand völlig“ entwickle.[70]
1890er Jahre – Die Harvard-Psychologen William James und Boris Sidis stellten die „Reserveenergie-Theorie“ (reserve energy theory) auf. Sie untersuchten diese Theorie bei der Entwicklung von Sidis’ Sohn, dem jugendlichen Exzentriker William James Sidis (1898–1944), der nach Angabe seiner Schwester Helena bei einem Intelligenztest „die höchste Punktzahl erreichte, die je erreicht worden sei“.[72] William James, der auch ein experimentelles Interesse an parapsychologischen Phänomenen hatte,[73] behauptete in seinen Vorträgen, dass Menschen üblicherweise nur den Bruchteil ihres vollen geistigen Potentials ausschöpfen würden.[74] Eine unreferenzierte Aussage von William James wird am häufigsten bei späteren Erwähnungen des Mythos zitiert.[17]
Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert – Eine weitere Erklärung zum Ursprung des Zehn-Prozent-Mythos ist eine Reihe von Missverständnissen – oder Falschdarstellungen – von Ergebnissen neurologischer Forschung. Früh hatte Rudolf Virchow festgestellt, dass das Gehirn hauptsächlich aus Gliazellen besteht, die nur sehr unbedeutende Funktionen zu haben schienen. Später wurde gefunden, dass die Funktionen vieler Hirnregionen (besonders in der Großhirnrinde) komplex genug sind, dass Auswirkungen von Schäden eher schleichend oder gar unmerklich sind, was die damaligen „Hirnforscher“ nachdenklich machte, was denn die eigentliche Aufgabe dieser so betroffenen Regionen sei.[75] James W. Kalat,[76] Autor des Lehrbuchs Biologische Psychologie, weist darauf hin, dass Wissenschaftler in den 1930er Jahren bereits wussten, dass sich im Gehirn eine große Anzahl von Schaltneuronen (local neurons) befinden. Das Missverständnis der Funktion dieser Schaltneuronen, die „nur“ für die Verbindung zwischen verschiedenen Neuronen sorgen, könnten zum Zehn-Prozent-Mythos geführt haben.[77]
1930er Jahre – Der Ursprung dieses Mythos wird ebenfalls auf den in den USA geborenen kanadischen Neurochirurgen Wilder Penfield zurückgeführt,[78] der der erste Direktor des Montreal Neurological Institute der McGill University war. Penfield und Mitarbeiter beobachteten, dass durch direkte Stimulation von etwa zehn Prozent aller Bereiche des Gehirns von menschlichen Patienten eine Aktivierung (oder Unterbrechung) von motorischen oder wahrnehmungsbedingten Ereignissen ausgelöst werden konnte.[79]
1960er Jahre – Der Psychologe und Pädagoge Georgi Losanow schlug die Lehrmethode der Suggestopädie vor in dem Glauben, „… that we might be using only five to ten percent of our mental capacity.“[80][81]
Widerlegung
Benennung als Mythos
Die erste Konkretisierung als Mythos und explizite Verwendung des Begriffes ten percent myth stammt von dem kanadischen Neuropsychologen Barry Beyerstein, der ihn 1999 in dem Buchkapitel Whence Cometh the Myth that We Only Use 10 % of our Brains?[82] einführte.[8] Im selben Jahr kommentierte Benjamin Radford das Thema im Skeptical Inquirer.[71] Im Deutschen wird der Begriff „Zehn-Prozent-Mythos“ einige Jahre später übernommen.[6]
Wissenschaftliche Argumente
Der Neurologe Barry Gordon beschrieb den Mythos als „lächerlich falsch“ und fügte hinzu: „… wir benutzen praktisch jeden Teil des Gehirns und es ist fast die ganze Zeit aktiv.“[3] Der Psychologe Donald H. McBurney nannte den 10-Prozent-Mythos „eines der widerstandsfähigsten Unkräuter im Garten der Psychologie“.[83]
Barry Beyerstein listet wissenschaftliche Argumente aus verschiedenen Fachgebieten auf, die alle den Zehn-Prozent-Mythos widerlegen:[8][84]
Energiebedarf und Evolution: In Bezug auf den Sauerstoff- und Nährstoffverbrauch ist das Gehirn des Menschen enorm kostspielig. Es kann bis zu 20 Prozent des gesamten Energieverbrauchs des Körpers beanspruchen – mehr als jedes andere Organ – obwohl es nur etwa 2 Prozent der Körpermasse ausmacht.[85][86] Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich ein Gehirn mit angeblich 90 Prozent redundanter Masse überhaupt entwickelt hat.[87] Wäre dies trotzdem der Fall gewesen und 90 Prozent der Masse (oder Funktion) wären unnötig und lägen brach, hätte es einen großen Überlebensvorteil für Menschen bedeutet, kleinere, effizientere Gehirne zu entwickeln und der evolutionäre Prozess der natürlichen Selektion hätte die ineffizienten Gehirnareale beseitigt.[8]
Gehirnscans: Technologien wie Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) erlauben die Bestimmung der Aktivität des Gehirn in vivo. Sie zeigen, dass selbst während des Schlafes mehr als 10 Prozent aller Bereiche des Gehirns ein bestimmbares Aktivitätsniveau zeigen. Nur im Falle ernster Schädigungen lassen sich „absolut stille Bereiche“ im Gehirn entdecken.[8]
Populärwissenschaftlich wurde dies in Episode 151 der Dokumentarserie Mythbusters (Erstausstrahlung am 27. Oktober 2010) gezeigt. Die Moderatoren Jamie Hyneman und Adam Savage bedienten sich der Magnetoenzephalographie und funktioneller Magnetresonanztomographie, um das Gehirn von Tory Belleci, der mit verschiedenen komplizierten Aufgaben beschäftigt war, zu untersuchen. Es wurde gemessen, dass dabei etwa 35 Prozent des Gehirns neurale Aktivität zeigten.[88]
Gehirnkartografie: Statt immer als Einheit zu funktionieren, hat das Gehirn definierte und getrennte Bereiche für die verschiedenen Arten der Informationsverarbeitung. Jahrzehnte an Forschung wurden darauf verwendet, Lokalisierung bestimmter Funktionen zu kartografieren und es wurden keine „funktionslosen“ Bereiche gefunden.[8]
Untersuchung von Hirnschädigungen: Wenn ein Anteil von 90 Prozent des Gehirns nicht verwendet werden würde, sollten Schädigungen in vielen Bereichen die Leistung des Individuums nicht beeinträchtigen. Es gibt fast keinen Bereich des Gehirns, der bei Schädigungen keinen Verlust gewisser Fähigkeiten erfährt. Selbst leichte Verletzungen in kleinvolumigen Bereichen des Gehirns können tiefgreifende Auswirkungen haben, die aber unter günstigen Umständen teilweise wieder durch die kortikale Plastizität kompensiert werden können.[8]
Zelldegeneration: Gehirnzellen, die nicht an aktiven Prozessen teilnehmen, haben die Tendenz zu degenerieren. Daher, wenn 90 Prozent des Gehirns inaktiv wären, würden Autopsien des erwachsenen Gehirns großräumige Degeneration zeigen – was nicht der Fall ist. Nur bei der Autopsie von verstorbenen Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen lassen sich solche Bereiche finden.[8]
Aufrechterhaltung in der Popkultur und Werbung
Autoren von Kurzgeschichten, Büchern und Filme in der Popkultur verwenden die Steigerung der Leistungsfähigkeit des Gehirns auf ein Vielfaches als dramatisches Element ihrer fantastischen Erzählungen und halten den Zehn-Prozent-Mythos dadurch am Leben. Die angeführten Werke sind bekannte Beispiele.[89]
Literatur
Die Kurzgeschichte Lest We Remember (Isaak Asimov, 1982; dt. Laßt uns erinnern, 2007) erzählt die Geschichte des durchschnittlichen John Heath, der als Testperson eine neu entwickelte Substanz erhält, die sein ungenutztes fotografisches Gedächtnis aktiviert und ihm total recall erlaubt: Er kann sich genau an alles erinnern, was er je erlebt oder gelesen hat.
Understand (1991; dt. Verstehen, 2014) ist eine Kurzgeschichte von Ted Chiang, in der ein Mann nach Anoxie einen Hirnschaden erleidet und nach Behandlung mit einem experimentellen Medikament intellektuell über sein früheres Selbst hinauswächst.
Der Zombie Survival Guide – Überleben unter Untoten (Max Brooks, 2010) behauptet, dass Menschen nur 5 Prozent ihres Gehirns benutzen, was genügend Raum und Kapazität lasse, um einen potentiellen, durch Viren aktivierten sechsten Sinn von Zombies zu erklären.[90]
Film
Im Film Der Flug des Navigators (1986), entdecken Wissenschaftler des Planeten Phaelon, dass Menschen nur 10 Prozent der Kapazität ihres Gehirns verwenden. Experimentell füllen sie deshalb die verbleibenden 90 Prozent eines Teenagers namens David mit verschiedenen Informationen (zum Beispiel auch Sternkarten).
Die Prämisse der romantischen Komödie Rendezvous im Jenseits (1991) besteht darin, dass die Menschen nur 3 bis 5 Prozent ihres Gehirns benutzen (sie werden deshalb als „Little Brains“ bezeichnet) und damit während ihrer Zeit auf der Erde nur ihre Angst zu besiegen versuchen. Gelingt dies einem Erdling und lernt er, mehr kognitive Leistung zu erbringen, erreicht er eine höhere Ebene. Falls ihm das nicht gelingt, wird seine Seele wiedergeboren und er bekommt einen weiteren Versuch auf der Erde.
Der Rasenmähermann (1992) behandelt Experimente mit der geistigen Kapazität eines Gärtnergehilfen. Es gibt keine Gemeinsamkeiten mit der gleichnamigen Kurzgeschichte von Stephen King.
Im Techno-Thriller The Dark Fields (Alan Glynn, 2001) experimentiert der Protagonist Eddie Spinola mit der Droge MDT-48 und erhöht seine geistigen Fähigkeiten weit über seine 20 Prozent – statt der üblich erwähnten 10 Prozent – hinaus. 2011 wurde das Buch unter dem Titel Limitless verfilmt in dem der erfolglose Schriftsteller Eddie Morra mit einer synthetischen Droge mit dem Namen NZT-48 experimentiert, die ihm der Drogendealer Vernon Gant mit der Behauptung überläßt, sie aktiviere die Kapazität des Gehirns über die üblichen 10 bis 20 Prozent hinaus. 2015 wurde eine Fernsehserie basierend auf diesem Thriller produziert.
In der Pilotepisode zur Fernsehserie Heroes (2006) bestätigt der Genetikprofessor Mohinder Suresh den Zehn-Prozent-Mythos und erklärt damit das menschliche Potenzial für Superkräfte.
Auch der Film Lucy (2014) „perpetuiert [diesen] Gehirn-Mythos“.[91][92][93]
Auch in The Lazarus Effect, einem 2015 erschienen Horrorthriller, findet der Mythos seine Erwähnung.
Werbung
Auch in der Werbung wird der Zehn-Prozent-Mythos in verschiedenen Weisen eingesetzt, um dem Leser – und potentiellen Kunden – nahezubringen, dass er bei Benutzung der beworbenen Dienste und Waren ein höheres geistiges Potential zeigt (oder erhält). Beispielsweise warb Northwest Airlines mit dem Slogan: „It’s been said that we use a mere 10 % of our brain capacity. If, however, you’re flying ConnectFirstSM from Northwest Airline, you’re using considerably more.“[94] Es gibt weitere Beispiele dieser Art von gewollt humorigen Anspielungen bis zur Suggestion, seine geistige Leistung durch das beworbene Produkt steigern zu können.[95]
Weitere Verwendung ohne Bezug auf das Gehirn
Es gibt zwei weitere Themengebiete, in denen ähnliche Begriffe wie „Zehn-Prozent-Mythos“ verwendet wurden, um eine oft wiederholte Prozentangabe als unrichtig zu bezeichnen. In beiden Fällen liegt der Mythos aber darin, dass mit zehn Prozent ein viel zu hoher Wert angegeben wird, und in beiden Fällen ist die Verwendung erheblich seltener als beim Bezug auf das menschliche Gehirn.
In der englischsprachigen Literatur, die sich mit Ergebnissen der Sexualforschung beschäftigt, findet sich der Begriff ten percent myth[96], the myth of ten percent[97], ten percent homosexuality myth[98] oder „Zehn-Prozent-Mythos“[99] im Zusammenhang mit dem Prozentsatz von Homosexuellen an der Gesamtpopulation, den Alfred Charles Kinsey und Mitarbeiter[100] 1948 mit „Ten percent of the males are more or less exclusively homosexual...“[101] angegeben hatten.
Eine weitere, einmalige Erwähnung, mythical ten percent,[102] findet sich im Zusammenhang mit der Gehörlosenforschung in den USA, wo angeblich bei zehn Prozent der von Geburt an Gehörlosen in den USA entweder ein oder beide Elternteile auch gehörlos sein sollen.[103]
Weblinks
Anthony Carboni (Sprecher): Video: Do We Really Use Only 10 % Of Our Brain?, DNews, 3:02 min
Literatur
Christopher Wanjek: Bad Medicine: Misconceptions and Misuses Revealed, from Distance Healing to Vitamin O. John Wiley & Sons 2003, ISBN 978-0-471-46315-3.
Christian Jarrett: Great Myths of the Brain (Great Myths of Psychology). John Wiley & Sons Inc, 2014 ISBN 978-1-118-62450-0.
Einzelnachweise und Kommentare
↑ a b Christoph Drösser: ZEIT-Serie „Stimmt’s“: Der Mensch nutzt nur zehn Prozent seiner Gehirnkapazität, Die Zeit, Nr. 40, 26. September 1997.
↑ Mario Lips: Ungenutzte Reserven im Gehirn? Schluss mit dem 10-Prozent-Mythos!, N24, 21. Juli 2014.
↑ a b Do People Only Use 10 Percent Of Their Brains. Scientific American. 7. Februar 2008. Abgerufen am 22. September 2014.
↑ Shanna Freeman: Top 10 Myths About the Brain, HowStuffWorks; abgerufen am 7. August 2014.
↑ Sergio Della Sala: Tall Tales about the Mind and Brain: Separating Fact from Fiction.. Oxford University Press, 2007, ISBN 978-0198568773, S. 20.
↑ a b Sandra Aamodt, Samuel Wang: Welcome to Your Brain.. C.H.Beck, 2008, ISBN 978-3-406-57140-4, S. 25.
↑ Benjamin Radford: The Ten-Percent Myth. snopes.com. 8. Februar 2000. Abgerufen am 22. September 2014.
↑ a b c d e f g h i Barry L. Beyerstein: Whence Cometh the Myth that We Only Use 10 % of our Brains?. In: Sergio Della Sala (Hrsg.): Mind Myths: Exploring Popular Assumptions About the Mind and Brain. Wiley, 1999, ISBN 0-471-98303-9, S. 3–24.
↑ Medizinisch-chirurgische Rundschau.. Engle, Urban & Schwarzenberg., 1869, S. 3.
↑ Gerhard Heberer und Franz Schwanitz: Hundert Jahre Evolutionsforschung. Fischer, 1960.
↑ Oliver Peschel: Das Kind in der forensischen Medizin: Festschrift für Wolfgang Eisenmenger.. Hüthig Jehle Rehm, 2009, ISBN 978-3-609-16409-0, S. 62.
↑ Wolfgang Tzschoppe: Struktur der Mathematik – Mathematik der Strukturen.. BoD – Books on Demand, 2012, ISBN 978-3-8448-2255-7, S. 14.
↑ Santiago Ramón y Cajal und Stanton A. Friedberg: Studien über die Hirnrinde des Menschen.. Verlag von Johann Ambrosius Barth, 1906.
↑ Université de Montréal, Ecole de psychoéducation: Serge Larivée; Editions Eres: Serge Larivée.
↑ Université de Montréal, Département de sciences biologiques: Jean-François Pflieger.
↑ Université Laval, École de psychologie: Jacinthe Baribeau; manuscrit.com: Jacinthe Baribeau.
↑ a b c d e f g h i S. Larivée, J. Baribeau, J.-F. Pflieger: Qui utilise 10 % de son cerveau ? (Who uses 10% of his brain ?), Revue de psychoéducation, Bd. 37, Nr. 1, S. 117–142 (2008).
↑ Robert J. Samuelson: The triumph of the psycho-fact, Newsweek, 9. Mai 1994, S. 75.
↑ Jonathon Taft, George Watt, Nelville Soulé Hoff: The Dental Register., 64. Wrightson, 1910, S. 26.
↑ Frei übersetzt: „Der Durchschnittsmensch benutzt nur ein Viertel seiner physischen Möglichkeiten und ein Zehntel seiner Gehirnmöglichkeiten. Das durchschnittliche Gehirn zeigt nur ein Zehntel der Zellen überhaupt entwickelt.“
↑ Young Men. 1915 (Vol. 41), S. 129.
↑ Frei übersetzt: „Der verstorbene Professor James sagte, dass der durchschnittliche Mann nur ein Zehntel seiner Gehirnleistung benutzte.“
↑ Popular Science Monthly.. McClure, Phillips and Company, 1922 (Vol. 101), S. 21.
↑ Reprint: Hearst Magazines: Popular Mechanics.. Hearst Magazines, September 1922, S. 63, ISSN 00324558.
↑ Frei übersetzt: „Mark Twain sagte einmal, dass der durchschnittliche Mann nicht viel mehr Gebrauch von seinem Kopf mache, außer für den Zweck, dass seine Krawatte nicht abrutsche. Und Professor William James behauptete, dass der durchschnittliche Mensch nur etwa einen zehnten Teil seines Gehirns verwende.“
↑ Bonnier Corporation: Popular Science.. Bonnier Corporation, November 1928, S. 173, ISSN 01617370.
↑ Frei übersetzt: „Es gibt keine Grenze für das, was das menschliche Gehirn erreichen kann. Wissenschaftler und Psychologen teilen uns mit, dass wir nur etwa zehn Prozent unserer Gehirnleistung verwenden. Der Geist ist wie ein Muskel. Durch Übung und Gebrauch wird er stärker. Er wird schwächer und vermindert sich durch Untätigkeit.“
↑ Dale Carnegie: How to Win Friends and Influence People (Textprobe). Abgerufen am 22. September 2014.
↑ L. Thomas: A short-cut to distinction, in How to Win Friends and Influence People (1937, S. 1–13), Dale Carnegie (Herausgeber), Toronto: Musson Book.
↑ Frei übersetzt: „Professor William James in Harvard pflegte zu sagen, dass der durchschnittliche Mensch nur zehn Prozent seiner latenten geistigen Fähigkeiten entwickelt.“
↑ Kommentar zur Auflage von 2010; Dale Carnegie: How To Win Friends and Influence People.. Simon and Schuster, 24. August 2010, ISBN 978-1-4516-2171-6.
↑ Dale Carnegie: How to Stop Worrying and Start Living, New York (1944), Simon é Schuster.
↑ Frei übersetzt: „Im Vergleich zu dem, was wir sein sollten, sind wir nur halb wach. Wir nutzen nur einen kleinen Teil unserer körperlichen und geistigen Ressourcen. Generell gesagt lebt das menschliche Individuum in dieser Weise weit innerhalb seiner Grenzen. Es besitzt Fähigkeiten verschiedener Art, die es gewöhnlich nicht nutzt.“
↑ Frei übersetzt: „Gedankenprozesse werden nicht nur durch diese engrammischen Befehle gestört, sondern auch durch die Tatsache, dass der reaktive Geist durch die Regeneration der Bewusstlosigkeit die tatsächliche Fähigkeit zu denken reduziert. Nur wenige Menschen besitzen dadurch mehr als 10% ihres potenziellen Bewusstseins.“
↑ Zitiert in der systematische Auflistung im Übersichtsartikel von S. Larivée, J. Baribeau, J.-F. Pflieger: Qui utilise 10 % de son cerveau ? (Who uses 10% of his brain ?), Revue de psychoéducation, Bd. 37, Nr. 1, 117–142 (2008).
↑ Dianetik, Albert Einstein und die Aussage des Zehn-Prozent-Mythos.
↑ David V. Lewis: How to Master Your Memory, Gulf Publishing, Houston, Texas (1962).
↑ Frei übersetzt: „Die Experten sind sich einig, dass Sie nur einen Bruchteil Ihrer geistigen Macht verwenden. Kein geringerer Fachgelehrter als der große Harvard-Psychologe William James behauptet, dass die durchschnittliche Person gewöhnlich 10 bis 15 Prozent ihrer Gehirnleistung verwendet.“
↑ Jeffrey J. Kripal: Esalen: America and the Religion of No Religion.. University of Chicago Press, 15. April 2007, ISBN 978-0-226-45369-9, S. 85; frei übersetzt: „Die Neurologen haben uns gezeigt, dass kein menschliches Wesen je mehr als zehn Prozent aller Neuronen seines Gehirns genutzt hat.“.
↑ James R. Lewis, J. Gordon Melton: Perspectives on the New Age.. SUNY Press, 1992, ISBN 978-0-7914-1213-8, S. 37.
↑ Aus den Resultaten einer von Larivée et al. durchgeführten PubMed-Suche nach „Warren Penfield“ schließen die Autoren, dass entweder (a) „Warren Penfield“ eine Erfindung von Pauwels und Bergier ist, oder dass (b) hier mit „Wilder Penfield“ verwechselt wurde, der keine solche Aussagen getätigt habe.
↑ Louis Pauwels und Jacques Bergier: Le matin des magiciens, Gallimard (1966), Paris.
↑ Frei übersetzt: „Im Zustand des normalen Wachbewusstseins ist ein Zehntel des Gehirns aktiv. Was geschieht in den schweigenden neun Zehnteln? Und gibt es da nicht einen Zustand, in dem das gesamte Gehirn eine organisierte Tätigkeit ausführt? […] Warum besitzt [der Mensch] nicht eine Art analoger, elektronischer Maschine in den Tiefen seines Gehirns? Wir wissen heute, dass neun Zehntel des menschlichen Gehirns im normalen bewussten Leben ungenutzt sind und Dr. Warren Penfield hat in uns die Existenz dieses riesigen, stillen Bereichs unter Beweis gestellt.“
↑ Robert Leo Montgomery: Memory Made Easy. The Complete Book of Memory Training, Amacom Books (1979), New York, ISBN 978-0-81445-523-4.
↑ Frei übersetzt: „Psychologen sagen, dass die meisten von uns nicht mehr als zehn Prozent unserer angeborenen Erinnerungsfähigkeit verwenden.“
↑ Sheila Ostrander, Lynn Schroeder und Nancy Ostrander: Superlearning, New York : Delacorte Press/The Confucian Press (1979).
↑ Freie Übersetzung: „In diesen Berichten erwähnten Schriftsteller unvermeidlich eine grundlegende Behauptung sowjetischer Physiologen: Wir verwenden knapp zehn Prozent unserer Gehirnkapazität, doch können wir lernen, die anderen neunzig Prozent anzuzapfen; wir können, wie sie sagen, lernen, die Reserven des Geistes zu erschließen.“
↑ Peter Russell: The Brain Book, New York (1979), Hawthorn Books (The Brain Book: Know Your Own Mind and How to Use it, Routledge (2010), ISBN 978-0-41503-455-5).
↑ Frei übersetzt: „Es wird häufig festgestellt, dass wir nur 10 Prozent unseres vollen geistigen Potentials verwenden. Dieses, so es scheint jetzt, ist eher eine Überschätzung. Wir verwenden wahrscheinlich nicht einmal 1 Prozent, wahrscheinlicher 0,1 Prozent oder weniger.“
↑ Scott Witt: (1983). How to be twice as smart. Boosting your brainpower and unleashing the miracles of your mind, Reward Books (1983), New York (Prentice Hall Press (2002), ISBN 978-0-73520-28-25).
↑ Frei übersetzt: „Die meisten Menschen benutzen zehn Prozent oder weniger ihrer Gehirnleistung und lassen dabei eine riesige Reserve mentaler Fähigkeiten ungenutzt.“
↑ Larry Belliston und Craig K. Mayfield: Speed Learning Super Recall, Utah, Woodland Hills (1983), SB Publishers, ISBN 978-0-91164-102-8.
↑ Frei übersetzt: „Sie haben wahrscheinlich gehört, dass wir nur 10 oder 20 Prozent unserer geistigen Kräfte verwenden. Wie kann das sein? Gibt es ein Geheimnis zum Entsperren der anderen 80 oder 90 Prozent?“
↑ Tony Buzan: Make the Most of Your Mind, Simon & Schuster (1984), New York (Touchstone, ISBN 978-0-67149-519-0).
↑ Frei übersetzt: „Die allgemein gehörte Feststellung, dass wir durchschnittlich nur 1 Prozent unseres Gehirns verwenden, könnte wahrscheinlich falsch sein, da es nun scheint, dass wir sogar weniger als 1 Prozent verwenden.“
↑ Colin Rose: Accelerated Learning, Dell Publishing Company (1987), New York, ISBN 978-0-44050-044-5.
↑ Frei übersetzt: „Es war eine oft zitierte Statistik, dass wir nur 10 % unserer potenziellen Hirnleistung nutzen. Je mehr die Psychologen in den letzten zehn Jahren gelernt haben, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie es wagen können, unser Hirnpotenzial zu quantifizieren. Die einzige konsequente Schlussfolgerung ist, dass der Anteil unserer potentiellen Gehirnleistung, die wir verwenden, wahrscheinlich näher bei 4 Prozent als bei 10 Prozent liegt.“
↑ Arthur Winter und Ruth Winter: Augmentez la puissance de votre cerveau, Le Jour Eds (1990), Montréal, ISBN 978-2-89044-395-2.
↑ Frei übersetzt: „Sie verwenden nur einen Bruchteil Ihrer Gehirnkapazität, schätzungsweise 0,01 bis 10 Prozent.“
↑ Moses Adetumbi: You Are a Better Student Than You Think, Adex Book Co. (1992), Huntsville (AL), ISBN 978-0-96325-022-3.
↑ Frei übersetzt: „Es wurde geschätzt, dass eine durchschnittliche Person nur einen Bruchteil (weniger als 5%) ihres Hirnpotentials verwendet. Sowohl Psychologen als auch Neurobiologen sind sich einig, dass das menschliche Gehirn eine fast unbegrenzte Fähigkeit des Lernens hat.“
↑ Scott O. Lilienfeld, Steven Jay Lynn und John Ruscio (Coauthor: Barry L. Beyerstein): 50 Great Myths of Popular Psychology: Shattering Widespread Misconceptions about Human Behavior.. John Wiley & Sons, 15. September 2011, ISBN 978-1-4443-6074-5, S. 36.
↑ Frei übersetzt: „Unser Geist ist zu bemerkenswerten, unglaublichen Fähigkeiten fähig, aber wir benutzen sie nicht zu ihrer vollen Kapazität. Tatsächlich benutzen die meisten von uns nur ungefähr 10 % unseres Gehirns, wenn überhaupt. Die anderen 90 % sind voll von unerschlossenem Potenzial und einer unentdeckten Fähigkeit, was bedeutet, dass unser Geist nur in sehr beschränkter Weise arbeitet anstatt bei voller Kapazität. Ich glaube, dass wir einmal volle Macht über unseren Geist hatten. Wir mussten, um zu überleben, aber da unsere Welt anspruchsvoller und komplexer geworden ist, haben wir viele der Fähigkeiten, die wir einmal hatten, vergessen.“, Original in Uri Geller’s Mindpower Kit, New York: Penguin Books, 1996.
↑ Michael Clark: Reason to Believe. A Practical Guide to Psychic Phenomena, Avon Books (1997), New York, ISBN 978-0-38078-474-5.
↑ Frei übersetzt: „Wir verwenden normalerweise 10 bis 20 % unseres Geistes. Überlegens Sie, wie unterschiedlich Ihr Leben sein würde, wenn Sie diese anderen 80 bis 90 % verwenden konnten, die als Unterbewusstsein bekannt sind.“
↑ Rhonda Byrne, The Secret – Das Geheimnis, >Goldmann Arkana (2007), ISBN 978-3-44233-790-3.
↑ Kenneth L. Higbee und Samuel L. Clay: College Students’ Beliefs in the Ten-Percent Myth, The Journal of Psychology, 132 (5), 469–476 (Sep. 1998); doi:10.1080/00223989809599280.
↑ Sergio Della Sala: Mind Myth. Exploring Popular Assumptions About the Mind and Brain, John Wiley (1999), New York, ISBN 978-0-471-98303-3.
↑ Freie deutsche Übersetzung des Originals: „Myths about the brain typically arise in this fashion: An intriguing experimental result generates a plausible if speculative interpretation (a small part of the lobe seems sufficient) that is later overextended or distorted (we use only 10 percent of our brain). The caricature ultimately infiltrates pop culture and takes on a life of its own, quite independent from the facts that spawned it.“
↑ a b c Gregory Hickok: Three Myths about the Brain, New York Times, 1. August 2014.
↑ a b Benjamin Radford: The Ten-Percent Myth, The Skeptical Inquirer, Bd. 23.2, März/April 1999, S. 52 ff.; abgerufen am 26. November 2016.
↑ Abraham Sperling: A Story of a Genius, in Psychology for the Millions, 1946, S. 332–339.
↑ Harvey J. Irwin, Caroline A. Watt: An Introduction to Parapsychology, 5th ed... McFarland, 21. Februar 2007, ISBN 978-0-7864-5138-8, S. 19.
↑ Sam Wang: Debunking Common Brain Myths. 24. April 2009. Abgerufen am 22. September 2014.
↑ Sam Wang und Sandra Aamodt: Welcome to Your Brain: Why You Lose Your Car Keys but Never Forget How to Drive and Other Puzzles of Everyday Life. 2. Februar 2008, ISBN 978-1-59691-283-0.
↑ LibraryThing: James W. Kalat.
↑ J. W. Kalat: Biological Psychology, 6th edition, Pacific Grove: Brooks/Cole Publishing Co., 1998, S. 43.
↑ Christian Jarrett: All You Need To Know About the 10 Percent Brain Myth, in 60 Seconds, Wired, 24. Juli 2014.
↑ Ezequiel Morsella: Do we use only 10 percent of our brain?, Psychology Today, 21. Juni 2011.
↑ Diane Larsen-Freeman (2000): Techniques and Principles in Language Teaching. Teaching Techniques in English as a Second Language (2nd edition), Oxford, Oxford University Press. p. 73, ISBN 978-0-19-435574-2.
↑ Frei übersetzt: „… dass wir eventuell nur fünf bis zehn Prozent unserer geistigen Kapazität benutzen“.
↑ Frei übersetzt: Woher kommt der Mythos, dass wir nur 10% unseres Gehirns verwenden?
↑ Stephen F. Davis und Joe Palladino: Psychology: Media and Research.. Pearson/Prentice Hall, Juni 2004, ISBN 978-0-13-191759-0. Im Original: „one of the hardiest weeds in the garden of psychology“.
↑ Pedro De Bruyckere, Paul A. Kirschner, Casper D. Hulshof: Urban Myths about Learning and Education.. Elsevier Science, 6. März 2015, ISBN 978-0-12-801731-9, S. 100.
↑ Nikhil Swaminathan: Why Does the Brain Need So Much Power?. In: Scientific American. 29. April 2008. Abgerufen am 22. September 2014.
↑ André Parent: Carpenter’s Human Neuroanatomy (Kapitel 1).. Williams & Wilkins, 1996, ISBN 978-0-683-06752-1.
↑ Angesichts des Sterberisikos von Babys bei der Geburt aufgrund von Komplikationen durch Schädelgrösse gibt es einen starken Selektionsdruck gegen große Schädel mit großen Gehirnen.
↑ MythBusters Database: 10 Percent of Brain; finding: busted.
↑ Diese beispielhafte Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
↑ Max Brocks: The Zombie Survival Guide: Complete Protection from the Living Dead, Broadway Books (2003), ISBN 978-1-4000-4962-2, Kapitel 1, Zombie Attributes: Read an excerpt: F. Sixth Sense.
↑ Nick Ng: ‘Lucy’ Movie Perpetuates Brain Myth, Guardian Liberty Voice, 3. August 2014.
↑ Christopher Bahn: ‘Limitless’ brainpower plot isn’t all that crazy. 7. März 2011. Abgerufen am 22. September 2014.
↑ Der französische Neurologe Yves Agid, der den Regisseur Luc Besson bei den Dreharbeiten zu Lucy beriet, sagte in einem Interview (Michael Simm: Ein bisschen Hirn-Doping ist möglich, Focus, Nr. 34, 18. August 2014, S. 85), dass er Besson auf die Unrichtigkeit der „10-Prozent-Idee“ hingewiesen habe. Besson habe aber daran festgehalten. Nach Agids Meinung sei dies in Ordnung, da Lucy ein Science-Fiction-Thriller und keine Wissenschaftsdokumentation sei.
↑ Earl G. Graves: Black Enterprise.. Earl G. Graves, Ltd., Juni 1998, S. 23, ISSN 0006-4165.; frei übersetzt: „Es wurde gesagt, dass wir gerade einmal 10 % unserer Gehirnkapazität nutzen. Wenn Sie aber ConnectFirstSM von Northwest Airline fliegen, verwenden Sie deutlich mehr.“
↑ Eric Chudler: Myths About the Brain: 10 percent and Counting, 17. April 2013.
↑ Peter Sprigg: Outrage: How Gay Activists and Liberal Judges are Trashing Democracy to Redefine Marriage.. Regnery, 2004, ISBN 978-0-89526-021-5, S. 76.
↑ Edward O. Laumann: The Social Organization of Sexuality: Sexual Practices in the United States.. University of Chicago Press, 15 December 2000, ISBN 978-0-226-47020-7, S. 287.
↑ Jennifer Bass: Kinsey And The 10 Percent Homosexuality Myth, 23. April, 2011; abgerufen am 25. November 2016.
↑ Gunter Schmidt, Arne Dekker: Kinder der sexuellen Revolution.. Psychosozial-Verlag, 2000, ISBN 978-3-89806-027-1, S. 56.
↑ A. C. Kinsey, W. B. Pomeroy und C. E. Martin: Sexual behavior in the human male, Saunders, Philadelphia (1953), ISBN 978-0-253-33411-4.
↑ Frei übersetzt: „Zehn Prozent aller Männer sind mehr oder weniger ausschließlich homosexuell...“
↑ Frei übersetzt etwa ‚mythischen zehn Prozent‘.
↑ R. E. Mitchel und M. Karchmer: Chasing the mythical ten percent: Parental hearing status of deaf and hard of hearing students in the United States, Sign Language Studies 4(2), S. 138–163.
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| Erste Streuung von Licht an Licht |
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Geschrieben von: Eik - 17.02.2017, 17:48 - Forum: Physik
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Erste Streuung von Licht an Licht
Experimenteller Nachweis von Photonen-Wechselwirkung am LHC
Nach 80 Jahren endlich nachgewiesen: Physiker haben erstmals die Streuung von Licht an Licht beobachtet – ein Phänomen, dass in der klassischen Physik als unmöglich gilt. In der Quantenphysik jedoch wurde eine solche Photonen-Wechselwirkung schon 1935 vorhergesagt. Der erste experimentelle Nachweis gelang nun bei Kollisionen von Bleikernen im Teilchenbeschleuniger LHC.
![[Bild: photonstreub.jpg]](http://www.scinexx.de/redaktion/wissen_aktuell/bild14/photonstreub.jpg)
Diphotonen-Ereignis im ATLAS-Detektor bei der Kollision zweier Bleikerne - bei diesem Ereignis wird Licht an Licht gestreut.
© ATLAS Collaboration
Im Gegensatz zu Materieteilchen galt für Lichtteilchen in der klassischen Physik bisher: Photonen sind füreinander unsichtbar, sie spüren sich nicht. Wenn Lichtstrahlen sich kreuzen, dürften sie sich daher nicht beeinflussen. Nach den von James Clerk Maxwell aufgestellten Gleichungen zur elektromagnetischen Strahlung darf es auch eine Streuung von Licht an Licht nicht geben.
Theoretisch möglich, aber nicht bewiesen
Doch durch die Quantenphysik änderte sich das Bild: Bereits im Jahr 1935 sagten die Physiker Werner Heisenberg und Hans Euler voraus, dass im Rahmen der Quantenelektrodynamik in ganz seltenen Fällen eine Wechselwirkung möglich sein könnte. Tatsächlich ist es Forschern inzwischen gelungen, durch geschickte Manipulation Photonen miteinander zu verkoppeln, so dass sie sich wie in einem Molekül oder einem Kristall verhalten.
"Die elastische Streuung von Licht durch Licht jedoch ließ sich bisher nicht beobachten – selbst die extrem intensiven Laserexperimente waren nicht stark genug, um dieses Phänomen zu erkunden", erklären die Physiker der ATLAS-Kollaboration, der Forschergruppe, die am Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) den Detektor ATLAS betreut.
![[Bild: photonstreu2m.jpg]](http://www.scinexx.de/redaktion/wissen_aktuell/bild14/photonstreu2m.jpg)
Quantenelektrodynamische Illustration einer Bleikern-KOllision (links) und der daraus resultierenden Licht-an-Licht-Streuung.
© ATLAS Collaboration
Nachweis bei beinahe Kollision
Jetzt ist es den Physikern am LHC erstmals gelungen, die Licht-an-Licht-Streuung experimentell zu beweisen. Möglich wurde dies bei Kollisionen von Blei-Ionen mit einer Energie von fünf Teraelektronenvolt (TeV). Bei einigen wenigen solcher Kollisionen kommen sich Blei-Ionen nahe, zerbrechen aber nicht.
Solche "ultra-peripheren Kollisionsereignisse" erzeugen in unmittelbarer Nähe der Bleikerne ein sehr starkes elektrisches Feld. "Diese von den kollidierenden Bleikernen erzeugten elektromagnetischen Felder können als quasirealer Strahl von Photonen betrachtet werden", erklären die Physiker. In ganz seltenen Fällen, so die theoretische Vorhersage, können zwei dieser begleitenden Photonen aneinander gestreut werden.
13 Diphotonen-Ereignisse registriert
Die Signatur von insgesamt 13 solcher Diphotonen- Ereignisse haben die Physiker nun in den Daten des ATLAS-Detektors nachgewiesen. Wie sie berichten, liegt die Signifikanz ihrer Messergebnisse bei 4,4 Standardabweichungen. Sie entsprechen zudem genau dem, was nach den theoretischen Modellen für die Streuung von Licht an Licht zu erwarten wäre.
"Wir konnten damit zum ersten Mal einen Hinweis sehen, wie Lichtteilchen miteinander wechselwirken" erklärt Matthias Schott von der Universität Mainz, ein Mitglied der ATLAS-Kollaboration. "Wir haben eine unglaublich schöne Messung erhalten." (arXiv:1702.01625, 2017)
Quelle
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| Astrologie |
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Geschrieben von: Eik - 17.02.2017, 15:37 - Forum: Astrologie
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Astrologie
Die Astrologie (Sterndeutung, von altgr. ἄστρον astron ‚Stern‘ und λόγος logos ,Lehre‘) ist die Deutung von Zusammenhängen zwischen astronomischen Ereignissen bzw. Gestirnskonstellationen und irdischen Vorgängen insbesondere in Bezug auf den Menschen.
Die „westliche“ Astrologie hat ihre Ursprünge in vorchristlicher Zeit in Babylonien bzw. Mesopotamien und Ägypten. Ihre in Grundzügen noch heute erkennbaren Deutungs- und Berechnungsgrundlagen erfuhr sie im hellenistisch geprägten griechisch-ägyptischen Alexandria. Aus ihr ging die Astronomie als deutungsfreie Beobachtung und mathematische Erfassung des Sternenhimmels hervor, und sie blieb lange Zeit als Hilfswissenschaft mit ihr verbunden.
In Europa hatte die Astrologie eine wechselvolle Geschichte. Nach der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich wurde sie bekämpft und ins Abseits gedrängt. Im späten Mittelalter gewann sie aber wieder an Reputation, und von der Renaissance bis zum 17. Jahrhundert war sie eine anerkannte Wissenschaft. Im Zuge der Aufklärung verlor sie jedoch in gebildeten Kreisen ihre Plausibilität. Erst um 1900 kam wieder ein ernsthaftes Interesse an der Astrologie auf, und seit den späten 1960er Jahren, ausgehend von der New-Age-Bewegung, hat sie in der westlichen Hemisphäre ein hohes Maß an Popularität erlangt.
Die Wissenschaft betrachtet die Astrologie heutzutage vor allem aus religionswissenschaftlicher und kulturhistorischer Perspektive. Alle methodisch korrekten empirischen Studien kommen zu dem Ergebnis, dass überprüfbare Aussagen von Astrologen statistisch nicht signifikant besser zutreffen als willkürliche Behauptungen.
aus WIKIPEDIA
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| Bausteine des Lebens auf Zwergplanet Ceres entdeckt |
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Geschrieben von: Eik - 17.02.2017, 14:07 - Forum: Astronomie - Exobiologie
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Bausteine des Lebens auf Zwergplanet Ceres entdeckt
Andreas Müller
![[Bild: 71-aufnahme-der-oberflaeche-des.zwergplanten-ceres.jpg]](http://www.grenzwissenschaft-aktuell.de/wp-content/uploads/2017/02/71-aufnahme-der-oberflaeche-des.zwergplanten-ceres.jpg)
Faschfarbendarstellung der Ceres-Oberfläche.
Copyright: NASA/JPL-Caltech/UCLA/MPS/DLR/IDA
San Antonio (USA) –Die NASA-Sonde „Dawn“ hat auf dem Zwergplaneten Ceres Regionen ausgemacht, die reich an organischen Stoffen sind. Die Forscher schließen, dass diese Stoffe aus dem Planeteninnern stammen und nicht von außen zugeführt wurden – das wiederum könnte Ceres zu einem weitren hoffnungsvollen Kandidaten für außerirdisches Leben im Sonnensystem machen.
Wie das Team um Dr. Simone Marchi vom Southwest Research Institute (SRI) aktuell im Fachjournal „Science“ (DOI: 10.1126/science.aaj2305) berichtet, handele es sich um lokale hohe Konzentrationen der organischen Stoffe in der Umgebung des 50 Kilometer durchmessenden Ernutet -Kraters auf der Nordhalbkugel des Zwergplaneten.
„Diese Entdeckung hat aus astrobiologischer Sicht weite Konsequenzen“, so Marchi und führt weiter aus: „Gemeinsam mit dem bereits zuvor entdeckten Wassereis, ammoniakhaltigen wässrigen Mineralien, Kohlenstoff und Salzen bilden diese Stoffe die Schlüsselzutaten des Lebens.“
![[Bild: 04778.jpg]](http://www.grenzwissenschaft-aktuell.de/wp-content/uploads/2017/02/04778.jpg)
Starke Konzentrationen (a-f) organischen Stoffe rund um den Ernutet-Krater auf den Zwergplaneten Ceres.
Copyright: NASA/JPL-Caltech/UCLA/ASI/INAF/MPS/DLR/IDA
Zudem weist Ceres deutliche Anzeichen für allgegenwärtige hydrothermale Aktivitäten, wässrige Veränderungen und flüssige Bewegungen unterhalb der eisigen Oberfläche auf. „Die organischen Stoffe an der Oberfläche könnten also auch das Ergebnis innerer Prozesse sein“, so die Forscher.
In weiteren Untersuchungen wollen die Dawn-Wissenschaftler nun Wege suchen, wie dieses Material aus dem Planeteninneren in jenen Mustern an die Oberfläche treten könnte, wie sie jetzt identifiziert wurden.
Plenetenwissenschaftler gehen davon aus, dass Ceres vor rund 4,5 Milliarden Jahren – also schon im frühn Sonnensystem – entstand. Von der Untersuchung der nun entdeckten organischen Stoffe erhoffen sich die Wissenschaftler auch Antworten auf Fragen zu Herkunft, Evolution und Verteilung organischer Arten im Sonnensystem.
Schon 2015 hatte der Planetenwissenschaftler Jian-Yang Li Planetary Science Institute auf dem Jahrestreffen der American Geophysical Union erläutert, dass Leben auf Ceres durchaus möglich wäre (…GreWi berichtete):
„Leben, wie wir es (von der Erde) kennen, benötigt drei Hauptzutaten: Flüssiges Wasser, eine Energiequelle und bestimmte chemische Bausteine (im irdischen Fall Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor und Schwefel).“
Ceres verfüge über diese Zutaten: Einen felsigen Kern und einen planetaren Mantel aus Wassereis und auf seiner Oberfläche wurden bereits weitere wässrige Mineralien geortet. „Tatsächlich sieht es so aus, als bestehe der nur 950 Kilometer durchmessende Zwergplanet Ceres zu 40 Prozent aus Wasser. Damit wäre Ceres neben der Erde eines der größten Wasserreservoire im inneren Sonnensystem.“ Allerdings sei es derzeit noch unklar, in welcher Form dieses Wasser vorhanden ist und ob es auf Ceres überhaupt Wasser in flüssiger Form gibt.
Was die Energiequelle anbetrifft, so erhält der Zwergplanet trotz seines Abstandes von 2,8 Astronomischen Einheiten (1 AE/AU = Abstand Erde-Sonne) immerhin noch mehr Sonnenenergie als die deutlich weiter entfernten Monde von Jupiter und Saturn. Während die Gezeitenkräfte ihrer Mutterplaneten das Innere von Europa und Enceladus verflüssigen und gewaltige Ozeane flüssigen Wassers unter kilometerdicken Eispanzern entstehen lassen, weist auch die erst im vergangenen Frühjahr gemachte Entdeckung von Wasserdampf in der dünnen Ceres-Atmosphäre auf unter einem Eispanzer verborgenen Ozeane flüssigen Wassers hin (…GreWi berichtete). Gezeitenkräfte können hier jedoch nicht für die Verflüssigung von Eis verantwortlich sein. Wie schon auf Enceladus und Europa könnte dieses Wassereis durch Fontänen in die Atmosphäre gepresst werden. Allerdings könnte der Wasserdampf auch durch vom Sonnenlicht aufgetautes Oberflächeneis stammen, so Li.
WEITRE MELDUNGEN ZUM THEMA
Wassereis fast überall auf Zwergplanet Ceres 19. Dezember 2016
„Ceres-Lichter“ offenbaren nach und nach das Geheimnis ihrer Zusammensetzung 30. Juni 2016
Quelle Grewi
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| Gnosis und Gnostizismus - der Nag Hammadi Codex - |
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Geschrieben von: Eik - 16.02.2017, 12:11 - Forum: Religionen - Religionswisschenschaften - Gnosis - Koptologie
- Keine Antworten
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Um die Bedeutung dieser Schriften nachzuvollziehen, ist es zweckmäßig ein wenig weiter auszuholen und eine wichtige Strömung im frühen Christentum kennen zu lernen, von deren Inhalten und Glaubensauffassung in der offiziellen Kirchendoktrin leider nur wenig zu finden ist:
Was versteht man unter Gnostizismus?
Das griechische Wort Gnosis bedeutet so viel wie Erkenntnis, Wissen. In den ersten Jahrhunderten n.uZ. war der Gnostizismus und die Gnosis schon vordem, im Mittelmeerraum eine vielschichtige geistige Bewegung. Gnostiker lebten in so genannten "praktischen" Gemeinschaften (Chrästoi), oft auch von (gewählten) Frauen geleitet, aber dennoch ohne zentrale Führung/Leitung, wie in den orthodoxen Religionen üblich und Gnostizisten lebte in Zirkeln ohne zentrale Leitung und vermittelte nach eigenem Verständnis ein besonderes esoterisches (geheimes, elitäres und bisweilen "okkultes") Bewusstsein. Dessen Hauptmerkmale sind:
- Es gibt eine vollkommenen, allumfassenden Gottheit ("Alles was ist")
- Dieser bringt einen unvollkommenen Gott hervor (auch als Demiurg oder Schöpfergott bezeichnet, also ein Baumeister der Schöpfung), der seinerseits eigenmächtig das materielle All erschafft.
- Ebenfalls erschafft der Demiurg den Menschen und verbringt diesen in immer dichtere Materie.
- Diesem Demiurg entspricht in vielen gnostizistischen Schriften der Gott des Tanach bzw. des Alten Testaments JHWH.
- Daher ist Jesus nach Auffassung der Gnostizisten nicht der Sohn des Gottes der Juden, sondern – als eine Inkarnation des Christus – das Kind der vollkommenen Gottheit, also geistig verstanden, nicht etwa körperlich.
- Die Schöpfung (und der Mensch) tragen jedoch grundsätzlich das Prinzip der ursprünglichen vollkommenen Gottheit in sich, von dem sie nicht zu trennen sind.
- Das innewohnende geistige Prinzip, auch (Gottes-) Funke oder Samenkorn genannt, muss dem Menschen bewusst werden, um die Verhaftungen an die materielle Welt erkennen und lösen zu können.
Die Frage nach dem Ursprung des Gnostizismus sei führt uns in die frühesten Glaubenskämpfe der gottesfürchtigen Urchristen, die den Lehren des Petrus folgten. Dagegen sieht der Wissenschaftler Hans Jonas (Gnosis und spätantiker Geist, 1934) die Wurzeln der Gnosis nicht an einem bestimmten geographischen Ort oder in einer anderen Religion, sondern in der mentalen und sozialen Atmosphäre der Spätantike. Die Auflehnung gegen die orthodoxe jüdische Religion und dieTtradierung alt Ägyptischer Inhalte, spielt hier auch eine gewichtige Rolle. Gnostizismus hingegen ist eine Religion und nicht zu verwechseln mit Gnosis (schlicht Erkenntnis) einer Geisteshaltung vor dem Gnostizismus. Gnostizismus ist eine Mixtur von Gnosis, alt Orientalischer Philosophie und christlicher Religion, wobei die gnostischen und philosophischen Inhalte zum Teil missinterpretiert werden.
Zentral bei diesem Verständnis sei die Erfahrung der Entfremdung: der Gnostizistiker empfindet sich aus seiner natürlichen Umgebung entwurzelt, im Gegensatz zum Gnostiker, der sich mit allen materiellen Erscheinungen verbunden fühlt. und in diese schlechte, materielle Welt geworfen. (An dem Attribut‚ weltfremd wird ein Gnostizist daher kaum Anstoß nehmen…)
So richtet sich der Erlösungsgedanke allein auf die transzendente Komponente (den "Gottesfunken" oder das "Wesen"), welche das eigentliche Selbst jedes bewussten Lebewesens bildet. Im Gnostizismus wird getrennt was zusammengehört, das "Geistige" vom Körperlichen, das Materielle vom Immateriellen. Damit führt der Gnostizismus die Gnosis ad absurdum.
Den verschiedenen Systemen der Gnosis und des Gnostizismus ist allenfalls gemeinsam, dass als Erlösung die Rückkehr zur transzendenten Wirklichkeit angestrebt wird. Es besteht ausschließlich im Gnostizismus ein in in seiner Radikalität unterschiedlich ausgeprägter Dualismus zwischen dem Geistigen und dem Materiellen. Die Gnosis vereint hingegen beides.
"Das Innere ist wie das Äußere"... "Sehr Ihr denn nicht, wer das Innere gemacht hat, der hat auch das äußere Erschaffen" usw.
Die materielle Welt galt dem Gnostizistiker als schlecht. Von dem unerkennbaren „höchsten Wesen“ ging eine Folge von Emanationen (Hervorgehen der Dinge aus einem höheren, göttlichen Ursprung) oder "Äonen" aus – hohe Geistwesen, die mit dem "höchsten Wesen" in Kontakt treten konnten. Einer der niedrigen "Äonen", der nicht in unmittelbarem Kontakt mit dem "höchsten Wesen" stand, war angeblich für die Erschaffung der Welt verantwortlich. Hier werden Inhalte der Gnosis in Systeme eingebunden, die eindeutig Religion darstellen und sich an christliche oder jüdische Inhalte anknüpfen.
Die Schöpfung war daher für die Gnostizisten, wenn nicht eindeutig schlecht, dann doch zumindest wenig gelungen und ohne Erkenntnis – eine Sphäre, aus der die Menschheit sich lösen sollte. Statt wie in der Gnosis angedacht, das Ergebnis der Notwendigkeit eines Lernens aus den Bildern der Materie.
Jesus der Gnostizisten, Christus (abgeleitet aus Chrästos "der Sanftmütige" im Zuge des Itazismus) genannt, wurde als ein Abgesandter des höchsten Gottes verstanden, der die Erkenntnis ("Gnosis") zu bringen hatte – das geheime Wissen über den wahren Gott. Unter Erlösung verstand man die Überwindung der Unwissenheit durch Selbsterkenntnis. Als göttliches Geistwesen nahm Christus weder einen echten menschlichen Körper an noch starb er. Entweder war er nur für eine begrenzte Zeit in einen menschlichen Körper – Jesus – eingegangen oder er hatte lediglich eine täuschende menschliche Erscheinung angenommen. Stattdessen beschreibt die Gnosis Jesus oder Jeshua, eindeutig als Menschen unter Menschen, dem Erkenntnis zuteil wurde, durch einen aktiven Prozess der Erkenntnisgewinnung in dieser Welt.
Allein der Gnostizismus neigte also zum sog. Doketismus, einer Lehre, welche die Menschlichkeit und das Leiden des irdischen Christus als bloßen Schein und nicht als Realität ansieht. Anhänger des Doketismus nahmen also an, Jesus Christus habe nur scheinbar einen physischen Körper. Diese Lehre trat in verschiedenen frühkirchlichen Gruppen auf – sie geht zurück auf die gnostizistische Auffassung, alle Materie sei unrein weshalb der ewige Logos keine Stofflichkeit haben könne.
Gnostizismus, Licht aus einer anderen Welt – Rückkehr einer antiken Religion
Christentum, Judentum, Islam und auch der Gnostizismus glauben an den einen allmächtigen Gott. Erst hier wird die Wirklichkeit des Bösen zu einem echten religiösen Problem. Der Gnosituzismus wollte Gott nicht in die Schuldfrage verstricken und führte alles Böse auf den stümperhaften und eifersüchtigen Teufel zurück. Sie übersah dabei, daß auch ihr reiner Lichtgott sich die Frage stellen lassen mußte: Warum hast Du das böse Tun des Teufels nicht verhindert?
Einige Gnostizisten führten ein asketisches Leben, denn für sie bedeutete Gnostizismus, jeden Kontakt mit irdisch - körperlichen Lebensaspekten weitmöglichst zu vermeiden und sich allein auf das Geistige zu konzentrieren.
Zitat:„Am besten wäre es, niemals in diese Welt geboren worden zu sein, gut war, sie möglichst schnell zu verlassen. Deshalb zeugten sie keine Kinder.“
Aus kirchlich-offizieller Sicht ist Gnostizismus eine Irrlehre, die schon im Neuen Testament mehrfach aufgegriffen und bestritten wird (siehe z.B. 2. Joh 7). Denn nicht wenige Gnostizisten aber auch ihre Vorgänger die Gnostiker kamen zu der Erkenntnis, dass jener Gottesfunke unserem Inneren ruht – sodass ein spirituelles Bewusstsein allein durch uns selbst gefunden werden kann. Mit anderen Worten, religiöses Wissen sei intuitiv zugänglich und bedürfe keiner institutionellen Stütze. Damit aber wäre eine organisierte Kirche als Vermittler zwischen Gott und den Menschen sowie als Autorität in Glaubensfragen überflüssig. Vor diesem Hintergrund kann nachvollzogen, weshalb der Gnostizismus und Gnosis (von der Institutionellen Kirche oft nicht unterschieden!) von der entstehenden Kirchenorganisation als potenziell existenzbedrohend angesehen und als "verderbliche Selbsterlösungslehre" heftig bekämpft wird.
Andere, die libertinistischen extreme Gnostizistiker, zogen aus dem gleichen Weltbild gegenteilige Schlüsse: Man müsse das Böse in der bösen Welt noch steigern, damit endlich die alte Schöpfung zugrunde gehe. Der Kirchenvater Epiphanius (geb. 315) berichtet grob verallgemeinernd von diversen gnostizistischen Orgien, Spermaopfern und -kulten sowie schwarzen Messen, in denen das christliche Abendmahl imitiert und verspottet werde.
(Libertinismus bezeichnet eine Haltung, die sich nicht an moralische und traditionelle sexuelle Normen gebunden fühlt und einen ausschweifenden Lebenswandel führt.)
Frühchristliche Apokryphen und Pseudoepigraphien
Die ersten Christen, darunter Paulus v. Tarsus, erwarteten das Wiedererscheinen Christi so bald, dass sie anfänglich keine Veranlassung sahen, eine eigene schriftliche Tradition zu begründen. Gleichwohl existierte das Bedürfnis, sich des Lebens und der Lehre Jesu zu erinnern und schriftlich festzuhalten. Bereits in den Jahren 50 bis 100 n.Chr. entstanden zahlreiche Texte, von denen etliche später im Neuen Testament zusammengefügt wurden.
Bis zum Ende des 2. Jahrhunderts war die Zahl christlicher Texte stark angewachsen, dabei war die Auswahl der in Gemeinden gelesenen Schriften regional verschieden. Neben der Notwendigkeit einer Sichtung und Ordnung kam auch die Frage nach dem Grad der Verbindlichkeit einzelner Texte auf. Auch der christlich-gnostizistische Theologe Marcion – der das A.T. aus theologischen Gründen verwarf (der strafende Gott des Alten Testaments und der liebende Vater Jesu konnten seiner Auffassung nach nicht derselbe Gott sein) – gab im 2. Jahrhundert zusätzlichen Anlass, über die Gültigkeit christlicher Texte zu reflektieren: er schuf einen ‚eigenen‘ Kanon aus dem Lukasevangelium und einigen Paulusbriefen.
Zu dieser Zeit waren fünf Evangelien allgemein akzeptiert, andere Texte blieben lange umstritten – insbesondere die Offenbarung des Johannes, die bis heute nicht von allen christlichen Konfessionen als Teil des N.T. anerkannt wird. Nach Marcion, flog der Thomastext (Evangelium nach Thomas), als Evangelium aus dem Kanon.
Texte, die keinen Anspruch auf kanonische Gültigkeit erheben konnten, wurden seltener oder gar nicht mehr überliefert. Solche Texte wurden apokryph, d.h. verborgen. Seit dem 4. Jahrhundert konnte das ‚verstaatlichte‘ Christentum sich auch weltlicher Machtinstrumente bedienen, sodass Schriften mit abweichenden theologischen Tendenzen auch gezielt unterdrückt wurden – beispielsweise das Petrusevangelium oder dasEvangelium nach Maria.
Das Wort apokryph erhielt noch eine zweite Bedeutung: Manche frühchristliche Texte waren nur für ein ausgewähltes, elitäres Publikum bestimmt; wo solche Texte den Begriff "apokryph" auch direkt im Titel führen, bedeutet er so viel wie geheim. Auch derartige Schriften wurden bekämpft und wurden damit apokryph auch im ersten Sinne des Wortes.
„Alle apokryphen christlichen Texte sind Bestandteil der Literaturgeschichte des frühen Christentums und als solche wert, gelesen zu werden, abgesehen davon, dass viele Texte auch für sich genommen eine spannende Lektüre bieten. Die Kenntnis apokrypher Texte erweitert unser Verständnis des Neuen Testaments wie auch der Theologiegeschichte des frühen Christentums. Die […] Schriften waren Teil des breiten Stromes frühchristlicher Literatur in den ersten beiden christlichen Jahrhunderten. Sie zeigen die geistige Vielfalt, die der christlichen Literatur von Anfang an zu Eigen war.„ [vgl. „Was nicht in der Bibel steht. Apokryphe Schriften des frühen Christentums“ v. Uwe Karsten Plisch]
Pseudepigraphie – das ist die fälschliche Zuschreibung eines Textes an einen bestimmten Autor – war in der antiken Literatur in zwei Formen verbreitet:
Ein zu Lebzeiten wenig bedeutsamer Autor verfasst einen Text und veröffentlicht ihn unter dem Namen einer prominenten Schreibers, um der eigenen Aussage stärkeren Nachdruck zu verleihen. Im N.T. können nur sieben der Paulusbriefe mit einiger Sicherheit Paulus v. Tarsus zugeschrieben werden, weitere könnten von dessen Schülern verfasst sein.
Auch wurden ursprünglich anonym verfasste und in Umlauf gebrachte Schriften nachträglich mit prominenten Verfassernamen versehen, wiederum um deren Autorität zu stärken. So wurde das in umstrittene Johannesevangelium nur unter der Annahme, es stamme direkt von einem Jünger Jesu, in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen.
Gnostizistische Evangelien im Spannungsfeld zur offiziellen Kirchenlehre
Das Entstehungsumfeld mehrerer apokrypher Schriften wird dem Gnostizismus zugeordnet, dazu zählen unter anderem:
Der Gnosis:
Diese Texte fanden keinen Eingang in den Kanon der offiziellen Schriften des N.T., vielmehr werden sie als eigenständige Literatur betrachtet, die das Frühchristentum ohne Zweifel mitprägte – jedenfalls bis ins vierte Jhd. n. Chr., als sie nach dem Konzil von Nicäa als Häresie verbannt und ihr Besitz unter Strafe gestellt wurde. So gesehen, sind Gnosis, Gnostizismus und Christentum zwar geschichtlich und inhaltlich miteinander verwoben – es ist aber notwendig, zwischen ausser- und innerchristlichem Gnostizismus zu unterscheiden. Leichter gesagt als getan, denn es existiert in der Fachwelt keine präzise Definition dessen, was Gnostizismus und Gnosis ist.
Es lässt sich aber sagen, dass dem gnostischen Evangelium (Thomastext) und den gnostizistischen Evangelien mindestens eine Kernaussage gemeinsam ist:
Der Mensch könne durch Selbsterkenntnis und Reflektion seinen persönlichen Weg zu Gott finden. In diesem Kontext erklärt sich wohl auch, was Gnostiker und z.T. Gnostizisten unter "Erleuchtung" verstehen, wenn sie von Jesus sprechen.
Zitat:„Dieser Umstand der Verwobenheit war und ist für die großen christlichen Konfessionen nicht unproblematisch, die stets die Unverträglichkeit von Gnosis, Gnostizismus und Christentum hervor gehoben haben und daran bis heute festhalten.“
Zitat:„Die ‚Verteidiger des Christentums‘ befürchten offensichtlich, wesentliche Teile der Aussagen Jesu, also zentrale Bausteine christlichen Religion könnten „als Ausdruck der so hart bekämpften Gnosis oder gar des Gnostizismus dargestellt werden. Damit aber könnte der Einmaligkeitsanspruch des Christentums geschwächt werden“. (vgl. ‚Die Gnostiker‘ v. Micha Brumlik)
Vor dem Hintergrund dieser Befürchtungen und dem übergeordneten Ziel einer geeinten Kirche werden die Bemühungen beinahe verständlich, den Bibelkanon nach ihrem Maßstab für Rechtgläubigkeit im Sinne eines widerspruchsfreien "kirchlichen Christentums" zusammen zu stellen. Gleichzeitig verleihen sie Jesus eine unantastbare Autorität, indem sie ihn zum einzigen Sohn Gottes erheben.
Dies zeigt sich auch deutlich in dem bis heute gültigen apostolischen Glaubensbekenntnis – einem überaus praktischen Instrument gegen die sog. Häresien. Mit ihm hatte man eine kurze und griffige Formel gefunden, welche Jungfrauengeburt, auch die Höllenfahrt, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu festschreibt und vor allem auch die zukünftige, fleischliche Auferstehung der Gläubigen hervorhebt – bis heute! Ob diese Bewahrung der "christlichen Wirklichkeit" erfolgreich war, liegt im Auge des Betrachters, ist jedoch meiner Meinung nach von der Bedeutung dieser Sätze her, für die meisten heute lebenden Menschen unverständlich geworden.
„Die Nag-Hammadi-Bibliothek wirft ein neues Licht auf das Verhältnis von ‚Rechtgläubigkeit und Ketzerei‘ im frühen Christentum. Die meisten Verfasser der Nag-Hammadi-Schriften wurden als Ketzer gebrandmarkt und aus dem kirchlichen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Oft sind sie zu Opfern entstellender Polemik von seiten der rechtgläubigen Kirchenväter geworden. In den gnostischen Nag-Hammadi-Schriften drfen sie endlich selbst reden und geben einen unverstellten Einblick in ihre Mythologie und Frömmigkeit.
Es legte sich nahe, die bei Nag Hammadi gefundenen Quellen als "Bibel" der Häretiker (Ketzer) zu bezeichnen. Bibel ist hier jedoch nicht im Sinne eines festgesetzten Kanons heiliger Schriften wie im kirchlichen Christentum zu verstehen, sondern als eine Sammlung von Schriften, die erahnen läßt, wie die Bibliothek eines gnostischen Häretikers ausgesehen haben könnte.
Diese Dokumente gnostizistischer Religiosität spiegeln die Vielfalt und den religiösen Reichtum des antiken Gnostizismus wider, sie enthalten auch zahllose originale gnostische Schriften. Diese Schriften gehören unterschiedlichen gnostischen und gnostizistischen Schulen an, zum Teil sind sie christlich, zum Teil contra - jüdisch und zum Teil zeugen sie von der Existenz einer äußeren bzw. vorchristlichen und vorgnostizistischen Gnosis. Der inhaltlichen Vielfalt, die selbst Widersprüche aushält und gelten läßt, entspricht ein großer Reichtum an altem Wissen und an literarischen Formen.
LG
Eik
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